25.08.2008

Fanprojekt im hohen Norden mit voller Kraft voraus

Der offizielle Startschuss für das Fanprojekt Rostock fiel nach langwierigen Verhandlungen und Vorbereitungen am 1. Januar 2008, seit Kurzem kann das Team auch in optimaler Besetzung und in neuen Räumen arbeiten. Fanprojektleiter Nico Stroech berichtet von der Arbeit in den ersten Monaten, der Zusammenarbeit mit dem Verein und den Vorhaben für die neue Saison.

Ich selbst bin in einer längeren Vorlaufphase schon seit November 2007 dabei, und seit dem 1. Mai sind wir nun sogar zu dritt. Susanne Binsch und Martin Brochier sind ebenfalls ausgebildete Pädagog/innen, Martin ist zudem in der Rostocker Fanszene schon ein vertrautes Gesicht und hat auch in der Fanbetreuung des Vereins gearbeitet, das ist natürlich ein großer Vorteil für uns.

Mit dem Träger, der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Rostock, und der Leiterin der Abteilung Jugend und Familie, Anne Haupt, hatte das Fanprojekt schon in der langwierigen Entstehungsphase zudem einen starken Partner an seiner Seite:

Anne Haupt hat sich sehr für das Fanprojekt eingesetzt, ihr ist es zu verdanken, dass wir an den Start gehen konnten, denn es war doch ein sehr langwieriges bürokratisches Verfahren, in dem gerade bei der Stadt Rostock und dem Land Mecklenburg-Vorpommern viel Überzeugungsarbeit geleistet werden musste. In dieser Übergangsphase hat uns die DFL als dritter Förderer des Fanprojekts mit einer Anschubfinanzierung, bei der auch der DFB und das Land Mecklenburg-Vorpommern beteiligt waren, übrigens sehr geholfen.

Zum „täglich Brot“ der Arbeit im Fanprojekt gehört natürlich die Spieltagsbegleitung und gerade in der ersten Zeit zunächst das gegenseitige Kennenlernen von Fanarbeiter/innen und Fans.

Wir betreuen alle Pflichtspiele des Vereins und gerade in dieser ersten Arbeitsphase des Fanprojekts müssen wir viel Beziehungsarbeit leisten, Kontakte herstellen, Vertrauen schaffen usw. Das ist in der Jugendarbeit allgemein und dann gerade in der Ultraszene, die oft sehr sensibel und vorsichtig reagiert, für ein Projekt, das sich neu etabliert, natürlich besonders wichtig. Aber wir haben jetzt schon einige Fortschritte erzielt. Hilfreich ist auch, dass neben unseren neuen Räumen eine Sporthalle liegt, wo wir einmal die Woche Hallenzeiten mieten, um den Fans die Möglichkeit zu bieten, ein bisschen zu kicken. Das wird schon gut angenommen.

Apropos Räume. Ein Fanprojekt mit drei Mitarbeiter/innen braucht natürlich entsprechend Platz. Seit Kurzem ist das neue Arbeitsdomizil bezogen, neben einem großen Gemeinschaftsbüro gibt es noch einen Gruppenraum, in dem auch Treffen oder Veranstaltungen durchgeführt werden können. Praktischerweise liegt das Ganze auch in Stadionnähe.

Einen offenen Fantreff können wir nicht anbieten, aber das wäre ohnehin eine Konkurrenz zu dem neu gegründeten Verein Fanszene Rostock e. V. gewesen, insofern hätten wir das auch gar nicht gewollt. Fanszene Rostock e. V. hat eigene Räumlichkeiten für Fantreffs, die auch von den Ultras genutzt werden, wir schauen dort auch regelmäßig vorbei und sind präsent, das wird aus der Fanszene auch begrüßt.


Das Team im Fanprojekt Rostock (von links nach rechts: Nico Stroech, Susanne Binsch, Martin Brochier)

Mehr Dialog beim Thema Stadionverbote

Ganz oben auf der Liste steht da das Thema Stadionverbote, hier gibt es viel Informations- und Nachholbedarf, da sind wir wirklich gefragt. Wir haben ein Infoblatt erstellt, das der Verein an alle Leute mit Stadionverboten verschickt hat, und sind jetzt dabei, gemeinsam mit den Fans die Fälle aufzuarbeiten, also zu gucken, wie sind die Stadionverbote zustande gekommen, gibt es Möglichkeiten, eine Aussetzung oder Aufhebung zu beantragen, welche Auflagen sind dafür sinnvoll, wie zum Beispiel Sozialstunden bei uns im Fanprojekt. Wir haben auch ein Modell, bei dem wir Stadionverbotler ins Stadion begleiten, um uns davon zu überzeugen, dass das funktioniert, sie nüchtern bleiben usw. Da ist von Fanseite das Interesse und der Informationsbedarf groß, man muss in den einzelnen Fällen natürlich sehr genau hinsehen und Absprachen mit den Fans und dem Verein treffen, was die Art der Auflagen und die Anträge auf Aufhebung oder Aussetzung angeht. Inzwischen haben wir beim Thema Stadionverbote schon einige kleine Erfolgsgeschichten zu verzeichnen.

Generell ist die Zusammenarbeit mit dem Verein auf einem guten Weg, wie Nico Stroech betont. Bei den Problemen, die es in der Vergangenheit zwischen Verein und Fanszene und mit Ausschreitungen vonseiten der Fans gab, nicht selbstverständlich.

Probleme gibt es noch immer, so etwas verschwindet ja nicht von heute auf morgen. In der Vergangenheit wurde von Vereinsseite vor allem auf Ausgrenzung und Ausschluss gesetzt. Jetzt gibt es jetzt aber die Einsicht, dass das so nicht funktioniert. Jugendliche Fans bei Erstvergehen mit 5 Jahren Stadionverbot zu strafen, macht einfach keinen Sinn, so drängt man sie nur in eine Opferrolle. Mit einer zunehmend transparenten und demokratisierten Vergabepraxis von Stadionverboten, erhoffen wir uns in erster Linie, individuelle Perspektiven für die Fans zu eröffnen. Ebenso setzen wir darauf, dass dadurch in der Rostock Fanszene eine Diskussion über das Thema Gewalt und Gewaltentwicklung entsteht. Und wir leisten natürlich umgekehrt auch Lobbyarbeit für mehr Verständnis der Fanszene, gerade der Ultrakultur. Mit der Fanbetreuung von Hansa Rostock, insbesondere mit dem Fanbeauftragten Axel Klingbeil, haben wir hier eine sehr gute Zusammenarbeit, wir sind in ständigem Kontakt und koordinieren die Spieltagsbetreuung miteinander, das klappt wirklich vorbildlich.

Beim Ausblick auf die kommenden Monate heißt es, sich mit den Bedingungen der 2. Liga auseinander zu setzen, was die Spieltagsplanung für Fans und Fanprojekterler nicht unbedingt einfacher macht. Trotz des Abstiegs in der vergangenen Saison herrscht in der Fanszene Optimismus vor, was die sportlichen Perspektiven betrifft.

Ich habe den Eindruck, dass die sportlichen Erwartungen an die neue Spielzeit recht groß sind. Der Verein hat auch einiges an Geld in die Hand genommen und neue Leute verpflichtet. Für viele Fans war die vergangene Saison zum Teil so von Problemen zwischen Fanszene und Verein überschattet, dass der sportliche Abstieg dabei mitunter fast überdeckt wurde. Es gab ja mehrere Stimmungsboykotte, Auseinandersetzungen über Transparente und einiges mehr. Was unsere Arbeit angeht, so wird uns das Thema Stadionverbote sicher noch weiter begleiten. Dann haben wir aber auch die offizielle Eröffnungsveranstaltung unseres Fanprojekts, die am 30. September stattfindet, und wir wollen in der neuen Saison unsere Freizeitangebote erweitern und versuchen, ein, zwei U16-Fahrten zu organisieren. Das ist in der 2. Liga eine ziemliche Herausforderung, weil es die Freitags- und Montagsspiele gibt und wir aus Rostock natürlich sowieso besonders viele Kilometer fahren müssen. Nach St. Pauli ist das Auswärtsspiel in Osnabrück noch das mit der kürzesten Entfernung. Aber dafür haben wir jetzt ja auch unseren neuen Fanprojekt-Transporter, da werden wir sicher etwas auf die Beine stellen.


Kontaktdaten Fanprojekt Rostock:

Nico Stroech
Susanne Binsch
Martin Brochier
AWO Sozialdienst Rostock gGmbH
Fanprojekt Rostock Tschaikowskistr. 43
18069 Rostock

Tel 0381 8579309
Fax 0381 8579308
E-Mail fanprojekt@awo-rostock.de
Internet www.awo-rostock.de

 
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