Einleitung

Die Zukunft des Fußballs, so eine vielfach zitierte Äußerung des FIFA-Präsidenten Joseph Blatter, ist weiblich. Dieser Prognose setzt der vorliegende Band die selbstbewusste Behauptung entgegen: Die Gegenwart des Fußballs ist weiblich!

Die in diesem Buch versammelten Texte und Interviews loten in unterschiedlicher Weise die Geschlechterverhältnisse im Fußball aus, sie beschreiben und reflektieren die Kultur der Männlichkeit, die den Fußball dominiert, ebenso wie die Alternativen und Gegenbewegungen, die diese Dominanz an vielen Punkten unterwandern und brechen. Vor allem aber stellt dieser Band selbst eine solche Gegenbewegung dar, und zwar indem hier weibliche Fans von ihrer Liebe zum Spiel und der Begegnung mit dem Sexismus der Fußballwelt berichten, in dem eine Journalistin ihre Erfahrungen im Fußballland Italien schildert, WissenschaftlerInnen über die homosexuelle Sportwelt, über Gender und Fußball in Japan oder die Situation von Frauen in der Hooligan-Szene schreiben.(1) Die Frage nach den Geschlechterverhältnissen ist nicht eine unter vielen, sondern vielmehr die Folie, vor der verschiedene Bereiche des Fußballs betrachtet werden.

Dieses Buch ist Ergebnis des Workshops „Abseitsfalle? Eine Fachtagung zu Theorie und Praxis des Fantums aus weiblicher Perspektive“ im Oktober 2004 in Oberursel bei Frankfurt am Main. Die Idee zu der Tagung stammte von Antje Hagel (Fan-Projekt Offenbach), und die Koordinationsstelle Fan-Projekte stand uns bei der Realisierung und Ausrichtung zur Seite. Mehrere der nun vorliegenden Texte sind bearbeitete Vorträge dieser Tagung. Neben der Bestandsaufnahme der aktuellen Situation von Frauen und Mädchen im Fußballumfeld, ging es in dem Workshop um inhaltliche Diskussionen zu verschiedenen Aspekten rund um das Thema und vor allem um eine Vernetzung der Frauen aus unterschiedlichsten Bereichen – Fan-Projekten, Forschung, Journalismus, Fanszene oder Fußballorganisationen. Diese Vernetzung wurde mit der Gründung des Netzwerks F_in Frauen im Fußball umgesetzt. Ein Folge-Workshop – ebenfalls mit Unterstützung der KOS – fand im Herbst 2005 unter dem Titel „90 Minuten weiblich“ statt. Die Ergebnisse der inhaltlichen Diskussionen, erweitert um eine ganze Reihe weiterer Beiträge und Perspektiven, liegen nun mit diesem Band vor.

Der Titel des Buches zielt in mehrere Richtungen: gender kicks sind Schüsse, Anstöße, Interventionen in die Politik und Kultur des Fußballs, die verdeutlichen, dass das Geschlecht auf und neben dem Platz immer mitspielt. Die Erkenntnis gender kicks! besagt damit auch, dass Frauen Teil des Fußballs sind, dass sie nicht nur buchstäblich mitkicken, sondern in verschiedenen Positionen und Rollen in das Fußballgeschehen involviert sind, und zwar schon heute und nicht erst in Zukunft.

Damit nun zu den einzelnen Texten: Im ersten Beitrag macht sich Nicole Selmer auf die Suche nach den Spuren weiblicher Zuschauer im Stadion und beleuchtet dabei auch den Umgang der männlich dominierten Fußballhistorie mit der Präsenz von Frauen. Steffie Wetzel überträgt diese Fragestellung in die Gegenwart und zeigt, wie weibliche Fans in den vergangenen Jahren zum Objekt verschiedener – und im seltensten Fall ihrer eigenen – Interessen geworden sind. Almut Sülzles Text eröffnet eine Reihe von Beiträgen, die sich mit dem Fanalltag von Frauen (und Männern) im Stadion beschäftigen. Sülzle stellt die Frage, in welcher Weise gerade der Fußball mit seinen ausgeprägten Männlichkeitsritualen und -idealen Frauen und Männern Freiräume bei der Gestaltung ihrer Geschlechtsidentität ermöglicht. Vom Block West des Hanappi-Stadions in Wien meldet sich Heidi Thaler mit einer Schilderung der Licht- und Schattenseiten des weiblichen Fanalltags zu Wort. Victoria Schwenzer stellt in ihrem Beitrag grundlegende Überlegungen zu den Erscheinungsformen von Rassismus, Sexismus und Homophobie im Fußballstadion an und beschreibt den Umgang weiblicher und männlicher Fans und ExpertInnen mit den jeweiligen Diskriminierungen. Franciska Wölki liefert in ihrem Text einen verdoppelten Blick auf die Fan- und Ultra-Szene: die Außensicht einer Forscherin auf ihr Untersuchungsfeld, aber auch die Innensicht auf sich selbst als Forscherin in diesem Feld.

Die folgenden zwei Beiträge nehmen einen Perspektivwechsel ganz anderer Art vor: Im Interview mit Stefan Krankenhagen schildert die Journalistin Birgit Schönau das Fußballland Italien und ihre Arbeit zwischen Sportjournalismus und Korrespondentinnentätigkeit. Der Artikel von Christian Tagsold führt die LeserInnen in noch weitere Ferne und analysiert die Situation der japanischen J.League, deren Entstehungsgeschichte und Fankultur sich erheblich vom europäischen Ligafußball unterscheidet, nicht zuletzt, was die Rolle der weiblichen Zuschauer betrifft. Das Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling wiederum eröffnet den Blick auf die in Vereinen und Verbänden organisierte homosexuelle Sportwelt – und von dort zurück auf den Mainstreamsport und insbesondere den Fußball und seine tief verwurzelte Homophobie. Mit dieser Ausblendung der (Homo-)Sexualität aus dem Profifußball beschäftigt sich Ulf Heidel, der in seinem Artikel jedoch auch eine mögliche gegenläufige Tendenz im Zeichen zunehmender Kommerzialisierung und Medialisierung des Fußballs analysiert.

Die beiden folgenden Texte verbinden die Frage nach den Geschlechterverhältnissen im Fußball mit den Themen Hooliganismus und Sicherheit. Elena Konstantinidis legt ihre Forschungsergebnisse zur Rolle von Frauen in der Hooligan-Szene vor, Antje Hagel spricht im Interview darüber, in welcher Weise weibliche Fans in den Debatten um Gewalt und Sicherheit im Stadion auftauchen. Im thematischen Block Frauenfußball behandelt Yvonne Weigelt zunächst die schwierige Situation von Trainerinnen in diesem Sport und skizziert die Möglichkeiten weitergehender wissenschaftlicher Untersuchungen. Mit Renate Vodneks Beitrag richtet sich der Blick nach Österreich und auf die dortige Lage des Frauenfußballs: Sie legt die Ergebnisse ihrer psychologischen Studie dar, die sich mit der Einschätzung dieses Sports allgemein und der besonderen Situation der Spielerinnen beschäftigt.

Zum Abschluss steht schließlich die Praxis im Mittelpunkt: Zum einen stellt Anja Janetzky die Möglichkeiten und Perspektiven der (sozialpädagogischen) Arbeit mit weiblichen Fußballfans am Beispiel eines Modellprojekts im Bremen dar, zum anderen entwickelt Heidi Thaler in Anlehnung an die antirassistische Kampagnenarbeit des FairPlay-Projekts in Österreich Überlegungen für den (politischen) Einsatz gegen sexistische Diskriminierung im Fußball.

Um noch einmal auf die eingangs zitierte Zukunftsprognose Joseph Blatters zurückzukommen: Es geht nicht nur darum zu zeigen, dass die weibliche Zukunft des Fußballs längst begonnen hat, sondern auch darum, diese Zukunft mitzugestalten. Zu häufig werden Frauen in der Fußballbranche weiterhin als zu vernachlässigender Faktor oder als beliebig einzusetzende Verschiebemasse behandelt: mehr Einkaufsmöglichkeiten in den modernen Fußballarenen für gelangweilte Ehefrauen, mehr Sicherheit und Polizeipräsenz für besorgte Mütter und weniger Trikotstoff für Fußballerinnen (dieser Vorschlag stammt ebenfalls von Blatter, der damit die Werbeeinnahmen der Top-Spielerinnen durch erhöhte optische Attraktivität steigern wollte). Diese Vorstellungen davon, wie die Verbindung von Frauen und Fußball heute und in Zukunft auszusehen hat, haben mit der Realität recht wenig zu tun, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Frauen dabei nur als Objekte und nicht als Subjekte vorkommen.

gender kicks versteht sich dagegen als Zustandsbeschreibung und Einmischung, dokumentiert den vielfältigen Alltag von Frauen im Fußball und zeigt Gestaltungsmöglichkeiten sowie unterschiedliche bis widersprüchliche Sichtweisen auf das Thema. Die verschiedenen Perspektiven auf Fußball und Geschlecht, die in den Texten zum Ausdruck kommen, lassen ihrerseits vielfältige Verknüpfungen zu: So spielt die Situation des Frauenfußballs auch eine Rolle für die weiblichen Fans im Männerfußball, nämlich dafür, wie Frauen beim Fußball überhaupt wahrgenommen werden. Der Blick auf den Umgang mit Homosexualität und Homosexuellen macht die Männlichkeitsideale des Fußballs sichtbar und bietet so auch Ansatzpunkte für subversive Interventionen. Eine historische Fragestellung oder die Einbeziehung anderer Fußballkulturen werfen ein Schlaglicht auf die Situation hier und jetzt und zeigen deren grundsätzliche Veränderbarkeit auf. Ein wichtiges Anliegen dieses Buches ist es, diese unterschiedlichen Diskussionsstränge zu versammeln und es den LeserInnen so zu ermöglichen, selbst weitere Verbindungen herzustellen – auch hinaus in ihren eigenen (Fußball-)Alltag.

Unser herzliches Dankeschön geht an alle AutorInnen des Bandes für die gute und erfolgreiche Zusammenarbeit, an die Teilnehmerinnen des Workshops „Abseitsfalle?“ von 2004 für ihre anhaltende und inzwischen im Internet weitergelebte Diskussionsfreudigkeit sowie an die Koordinationsstelle Fan-Projekte KOS, deren Unterstützung über die finanzielle Förderung hinausging, insbesondere danken wir dafür Michael Gabriel und Volker Goll.

Unser Dank geht auch an diejenigen, die uns Fotos zur Verfügung gestellt haben: an die Redaktion des Fanmagazins ERWIN (Offenbach), an Stadionwelt.de, an Gerrit Starcewski und an Martina Backes vom AGON-Sportverlag (Kassel)


1 Nicht nur Fußball, sondern Sport allgemein ist im Übrigen auch das Titelthema der Juni-Ausgabe der Schweizer Zeitschrift „Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik“ (Heft 21, „Sportlerinnen. Spitzenleistungen vor leeren Rängen?“), die zahlreiche Beiträge aus verschiedenen Disziplinen versammelt. (www.olympeheft.ch).

 
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