Koordinationsstelle Fanprojekte
 
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KOS Schriften 10

   
 

Michael Gabriel

Vorwort

Dass der Fußball männlich ist, gilt als Binsenweisheit. Wobei bei der Frage nach dem Warum zwei Aspekte bedenkenswert erscheinen. Das Fußballspiel an sich löst seine Faszination völlig geschlechtsunspezifisch aus. Sein Prinzip ist sehr einfach zu verstehen, die Regeln ebenso, und zur praktischen Organisation braucht es nicht einmal einen Ball - oft genügt zwei Kids ein Kieselstein. Beste Voraussetzungen daher auch für’s Zuschauen. Es gibt wohl kaum ein Spiel, welches für die zusehende Person so einfach und ohne Vorkenntnisse zu verfolgen ist.

Dennoch spielen weltweit (bis auf wenige Ausnahmen) viel weniger Frauen als Männer Fußball, und auch auf den Rängen ist das Verhältnis extrem verzerrt. Niemand findet diesen Zustand überraschend, und nur wenige halten ihn für kritisierenswert. Fußball ist männlich, so heißt es, und das sei auch gut so! Der gewichtigste Grund liegt sicher in der Definitionsmacht der Männer. Sie sind es, die dem Fußball seine Männlichkeit zuschreiben, über die der machistisch-exklusive Charakter des Spiels hergestellt und derart auch der Zugang zum Spiel geregelt wird. Man muss sich nur auf den Tribünen des professionellen Fußballs umschauen. Es stellt für Frauen, Schwule und Ausländer immer noch eine hohe Hürde dar, sich dort ihren Platz zu sichern. Dieser Personenkreis ist so deutlich unterrepräsentiert, weshalb es sich eigentlich verbietet, vom Fußball „als einem Abbild der Gesellschaft“ zu sprechen. Um dieses Missverhältnis zu verbessern, sind in erster Linie sicherlich die Verantwortlichen des organisierten Fußballs gefordert.

Insgesamt stünde unserer Überzeugung nach den Vereinen und den Verbänden verstärkte Anstrengung zur Integration von Frauen, Nicht-Deutschen und Schwulen sehr gut zu Gesicht, um dem geflügelten Wort vom Fußball als Volkssport noch mehr Substanz zu verleihen.

Etwas positiver als auf den Rängen gestaltet sich die Lage auf den Spielfeldern. Denn auf dem Rasenviereck hat sich die Situation seit ein paar Jahren zu Gunsten einer stetig steigenden Zahl an aktiven Spielerinnen verändert. Noch 1957 geißelte ein hoher DFB-Funktionär „das Fußballspiel für Frauen als jeglichem sportlichen Empfinden widersprechend“ und griff den Münchner Oberbürgermeister, der die Austragung eines Frauenfußballspiels gestattet hatte, scharf an. Letztlich dauerte es immerhin bis 1970, bis der Deutsche Fußball-Bund als einer der letzten Fußballverbände endlich sein Verbot des „Damenfußballs“ aufhob, aufheben musste. Denn die vielen begeistert Fußball spielenden Frauen und Mädchen schufen auch ohne Einladung durch den DFB Fakten, dem sich der widerstrebende Verband nicht länger entziehen konnte.

Die Veränderungen insbesondere der letzten Jahre, die zurzeit auf den Zuschauerrängen des bezahlten Fußballs zu beobachten sind, erinnern ansatzweise an die positive Entwicklung auf dem grünen Rasen. Obwohl auch hier die Aufenthaltsbedingungen für Frauen und Mädchen bestimmt nicht ausnahmslos einladend sind, üben das Spiel, aber auch die Anreize innerhalb der Fanszenen eine große Faszination auf immer mehr Frauen aus. Als Folge daraus wird die Anwesenheit von weiblichen Fans in der Kurve zunehmend selbstverständlicher, und sie nehmen und fordern ihren Platz immer selbstbewusster ein. Und das trotz des zweifellos immer noch weit verbreiteten Sexismus (nicht nur) in den Kurven. Zwar scheint die Zeit für eine Frau als Einpeitscherin auf dem Zaun noch nicht ganz reif zu sein, doch sind die Rollen für Frauen und Mädchen in der Fankurve wesentlich vielfältiger geworden, und ihre Präsenz in der Kurve in diesen Rollen scheint immer weniger infrage gestellt zu werden. Es wäre zu untersuchen, ob dieser Eindruck tatsächlich richtig ist und ob dies tatsächlich einhergeht mit der des Öfteren schon mit Blick auf die Ultras festgestellten „Entproletarisierung“ der Fankurven.


Foto: Gerrit Starcewski

Bisher hat sich dieser positive Trend leider noch nicht bei der Zusammensetzung der Belegschaften der Fan-Projekte bemerkbar gemacht. Zwar sind immerhin in drei Fan-Projekten Frauen in Leitungsfunktion, dennoch ist die Zahl der Mitarbeiterinnen in den lokalen Projekten leider der prozentualen Geschlechterverteilung in den Fankurven sehr ähnlich. Es wird eine Aufgabe für die KOS sein, die Gründe für diesen Zustand zu analysieren und Instrumentarien zu entwickeln, die dazu beitragen sollen, mehr Frauen für dieses Themen- und Arbeitsfeld zu interessieren sowie die in den Fan-Projekten arbeitenden Männer stärker für eine geschlechtsspezifische Perspektive zu sensibilisieren.

Die KOS ist außerordentlich froh, dass sich auf dem ersten von der KOS ermöglichten Workshop im Jahr 2004, auf Initiative von Antje Hagel, Nicole Selmer, Almut Sülzle und Steffie Wetzel ein Netzwerk aus interessierten Frauen gebildet hat, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen: F_in - Frauen im Fußball.

Aktive Spielerinnen, Trainerinnen, Wissenschaftlerinnen, Pädagoginnen aus der Fanarbeit und interessierte Fans analysierten und diskutierten in diesem Workshop die vielfältigen Prozesse der Ein- und Ausschlussmechanismen für Mädchen und Frauen rund um die Organisation des Fußballsports. Der vorliegende Sammelband ist ein Ergebnis dieses Workshops. Seine thematische Vielfalt, die interessanten unterschiedlichen Perspektiven sowie die Lebendigkeit und Qualität der einzelnen Beiträge vermitteln auch einen Eindruck, mit wie viel Lust an den Themen gearbeitet wurde.

Unseres Wissens nach ist ein derartiger Zusammenschluss interessierter Frauen aus den unterschiedlichsten Professionen mit ihren je eigenen Zugängen in diesem männerdominierten Feld bisher einzigartig. Die KOS hat ein großes Interesse, dass sich das Netzwerk festigt, hoffentlich noch erweitert und seine wichtige, ganz bestimmt nicht nur die Fan-Projekte in Deutschland befruchtende Arbeit, verstetigen kann. Hierzu wollen wir selbstverständlich auch weiterhin mit unseren Möglichkeiten beitragen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Michael Gabriel für die KOS