Steffie Wetzel

Die im Dunkeln sieht man nicht …?
Weibliche Fußballfans im Fokus von Marketing, Medien und Meinungsmachern


Foto: ERWIN

Jahrzehntelang fand die „schönste Nebensache der Welt“ scheinbar unter Ausschluss ungefähr der Hälfte der Bevölkerung statt. Frauen und Fußball – das schien nicht zusammen zu passen. Und das obwohl Frauen Fußball – zumindest mit freundlicher Genehmigung des DFB seit 1970 – spielen, schauen und unterstützen. Als Aktive, als Fans, als Trainerinnen, Betreuerinnen, als Schiedsrichterinnen und was der Fußball noch so bietet. Immer jedoch abseits der breiten Öffentlichkeit, als ob sie im toten Winkel des Flutlichtsscheins verschwinden würden.

Doch damit ist nun scheinbar Schluss, der Fußball hat endlich auch die Frauen erreicht. Könnte man(n) meinen beim beinahe täglichen multimedialen Spektakel. Kaum eine Fußballübertragung oder Sportsendung, in der keine Frau bildschirmfüllend vom Stadion direkt in die Wohnzimmer gebeamt wird. Bindenhersteller werben mit den deutschen Nationalspielerinnen oder verlosen Eintrittskarten für einen kompletten Frauenblock. „Weibliche“ Bedürfnisse spielen bei der Planung der neuen Multifunktionsarenen eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Und selbst die Wissenschaft rückt langsam aber sicher von der Behauptung der Nicht-Existenz weiblicher Fußballfans ab. Woher aber rührt dieser universelle Meinungsumschwung?

Wer diesem neuen Trend nachspürt, trifft zumeist auf die These des Anstiegs der Frauenquote in den Stadien. Von der neuen „Groupie-Generation“ junger Mädchen ist da die Rede, die Fußballer wie Popstars verehren. Von der Relation mehr Sicherheit gleich mehr Frauen. Oder von einem erhöhten Selbstbewusstsein, das Frauen endlich auch das Stadion erobern lässt. Überprüfbar oder gar belegbar sind diese Motive oft nicht. Der Fokus, der plötzlich auf den weiblichen Fußballfans liegt, beleuchtet allzu oft auch die Motivation unterschiedlicher Beteiligter am Geschäft Fußball. Denn mehr Frauen oder nicht – am Status, den Frauen in dieser „Männerwelt“ innehaben, hat sich nicht wirklich etwas geändert.

Wenn funny-kick-girls die Regel kennen, pfeift der 12. Mann aus dem letzten Loch

Seit den glorreichen 70er-Jahren ist Fußball vor allen Dingen eins geworden – ein lohnendes Geschäft, an dem viele verdienen. Dementsprechend gestiegen sind sowohl die Bedeutung des Fußballs für die Werbung als auch die Werbung für den Fußball. Wenn Frauen in diesem Bereich auftauchten, dann zumeist als „Blickfang“ für die kaufenden – natürlich männlichen – Fußballfans. Seit geraumer Zeit jedoch wird in geradezu auffälliger Art und Weise um den Fan in der Frau geworben.


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Einer der ersten Fernsehspots, in denen das Bild vom typisch männlichen Fußballfan unterwandert wurde, stammte von Coca-Cola. Zwei Mädchen und ein Junge beschrieben, parallel gefilmt, ihre Hobbys. Die Mädchen mit allen Fanutensilien ausgestattet, schildern mit viel Emotion ihren Spieltag, der Junge – züchtete Frösche. Auch Bayern München kokettierte mit einer Frau, die ein Fußballmatch allen anderen Vergnügungen vorzog. Und im Sommer 2005 wirbt die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Radio für eine DVD-Edition mit Namen „Faszination Fußball“ mit folgendem Dialog zwischen Mutter und Tochter: „Hopp, hopp, meine Kleine, Zähne putzen und dann ab ins Bett.“ Die Tochter im (geschätzten) Grundschulalter weint. „Jetzt hör aber auf. Du heulst ja schon wie Maradonna bei der WM 1986 nach seinem Jahrhunderttor gegen Italien.“ Die Tochter (weiter weinend): „Das stimmt nicht. Das war gegen England.“ Der Beweis ist erbracht: Fußball „begeistert wirklich jeden“. Oder jede. Für diese kleine, sprachliche Feinheit hat es dann doch nicht mehr gereicht.

Bei all der Bedeutung und Kompetenz, die weiblichen Fußballfans da plötzlich zugeschrieben wird, Sexismus in Sachen Fußballmarketing ist noch lange nicht vom Tisch. So warb z. B. ausgerechnet die Fußballzeitschrift „11Freunde“, die sich im Gegensatz zur sonstigen Sportpresse häufig mit fanspezifischen Themen auseinander setzt, noch letztes Jahr im Rahmen einer Anzeigenkampagne mit der Rückenansicht eines Bikini-Girls und dem sinnigen Spruch „Menschenskinder, da muss man doch pfeifen“. Die Adressaten dieser Kampagne – so es sich unwahrscheinlicherweise nicht um das Bemühen um eine lesbische Leserinnenschaft handeln sollte – erschließen sich ohne größere Erklärung. Auch eine aktuelle Marketingidee des Produkts funny-frisch vermittelt nach wie vor das traditionelle Fußballfan-Rollenbild, Frauen kommen lediglich als knackiger Blickfang vor. In diesem Fall in Form der „funny-kick-girls“, „eigens für diese Promotion von MindMatics kreierte weibliche Fußballfans, die in bester Cheerleader-Manier Stadionstimmung aufs Handydisplay zaubern“ (www.mindmatics.de). Dargestellt werden diese als leichtbekleidete Comicfiguren mit Cheerleader-Pompoms …


Die funny-kick-girls – weibliche Fußballfans, wie sie sich ein Chipshersteller vorstellt.

Mittendrin oder nur dabei, letztendlich markieren diese Kampagnen nur eins – dass durch Frauen in der Fußballwerbung Geld zu verdienen ist. Besonders schön illustriert durch ein letztes Beispiel. Der Bindenhersteller Camelia verloste im Mai 2003 1.200 Eintrittskarten für das Spiel HSV gegen Hansa Rostock. Eigens dafür hatte man einen ganzen Block reserviert. Motto: „Wer sagt denn, wir kennen die Regel nicht …“ Ausgestattet mit T-Shirt, Jacken, Kappen und Bannern von Camelia wurde schnell klar, worin dieser „lustige Frauenspaß beim Fußball“ (Gewinnspielausschreibung) bestand. Eine perfekte Marketingstrategie.

Ausschnitt vs. Aufstieg

Nicht erst seit Fußball durch „ran“ zum Medienspektakel aufstieg, werden Fanbilder gerne als Füller zwischen Torjubel, Zeitlupen und Einwechslungen gezeigt. Hinsichtlich weiblicher Fußballfans glichen diese Szenen in früheren Zeiten eher Suchbildern. Wer sich die Mühe macht, Fußballaufzeichnungen, aber auch Pressefotos genauer anzusehen, wird aber immer wieder auch auf Frauen treffen – ob in den 50er- oder den 90er-Jahren.

Mit der Kommerzialisierung des Fußballs wandelte sich die Berichterstattung in Richtung Show. Einhergehend hiermit wurden Frauen im Stadion plötzlich sichtbar. Vor allem bei Länderspielen zeigte das Fernsehen gerne leicht bekleidete, oft mit dem Merkmal der Exotik belegte Frauen, unterlegt mit einem Kommentar zur Lebensfreude dieser friedlichen Fans. Lebensfreude und Friedlichkeit bei Frauen schien sich vor allen Dingen durch knappe Oberteile oder gar Barbusigkeit zu äußern. Dasselbe Frauenbild findet sich auf Fotos wieder. So z. B. auf freenet.de auf einer Bildergalerie zu EM 2004 unter der bezeichnenden Rubrik „Perlen der EM – weibliche Fans“, wo Brustbilder fast sämtlicher teilnehmender Nationen zu finden waren. Bestenfalls tauchten Frauen in der Fußballberichterstattung noch als Begleitung männlicher Fans auf – küssend, tröstend oder lächelnd in die Kamera winkend. Wer nach der Rückkehr der Bundesliga in die „Sportschau“ auf objektivere Berichterstattung hoffte, sah sich schon mit der großflächig angelegten Werbekampagne eines Besseren belehrt. Frauen unterhielten sich in Radiospots über die schönsten Spieler oder fragten, was Abseits ist. Eine Bewusstseinsänderung scheint also nicht stattgefunden zu haben.

Und doch, es gibt sie – weibliche Fußballfans im Fernsehen. Wer aufmerksam beobachtet, bemerkt, wie sich immer wieder Frauen in die Bilder typisch männlicher Fußballmomente schleichen. So z. B. bei einem Torjubel im Rahmen eines Champions-League-Spiels von Bayer Leverkusen. Mitten auf dem Zaun hing sie da, zwischen all den Trikots, Kutten, halbnackten Männern. Eine junge Frau, mit engen Jeans, kurzem T-Shirt und einem kleinen, rosa Täschchen - mit ausgebreiteten Armen, brüllend vor Glück und mit strahlenden Augen. Seht her, ich gehöre dazu, so schien ihre klare Aussage zu sein. Und das, nicht die Tatsache, dass sie dort am Zaun hing, war das Besondere an dieser Szene. Oder erst kürzlich beim Bundesligaabstieg des VfL Bochums. Eine Frau mit Trikot, Mitte 30, weinend im sich schon leerenden Block. Und auf einmal kommt ein Mann, ein Mitleidender, legt den Arm um sie und übernimmt die typisch weibliche Trösterrolle. Wir leiden zusammen, du und ich, Mann und Frau.

Die scheinbar einsetzende Fokussierung auf weibliche Fußballfans in der Berichterstattung nimmt einen Trend auf. Und der Anstieg der Frauenquote scheint sich in den Bildern niederzuschlagen. Doch wer den auserwählten Verein über die Jahre begleitet, kennt solche Bilder und hat solche Situationen erlebt. Dass diese nun mehr Frauen im Stadion vorspiegeln, hat vor allem mit ihrer Sichtbarkeit zu tun.

Ich sehe was, was du nicht zählst, und das sind – mehr

Dass für Marketingstrategen und Medien die Beschäftigung mit einer „neuen“ Kategorie Fußballfans vor allen Dingen mit der Erschließung neuer Zielgruppen zusammenhängt, liegt nahe. Wie jedoch stellt sich die Beschäftigung der fachwissenschaftlichen Literatur mit dem möglichen Phänomen der erhöhten Frauenquote dar?

Auch hier findet sich immer wieder die These vom Ansteigen der Zahl weiblicher Fans. So vermerkte Hans J. Stollenwerk noch 1979:

Fußball ist vorwiegend Männersache. An sicherlich nicht neuen Erkenntnissen ändert sich auch durchaus nichts, daß in der vorliegenden Stichprobe mit 11,8% die Frauen im Vergleich zu anderen Untersuchungen geringfügig stärker vertreten sind. Die Stiftung Warentest (1977) registrierte bei 29 Befragungen in 16 Stadien einen mittleren Publikumsanteil des weiblichen Geschlechts von 6% – bei einem Minimum von 3% und einem Maximum von 11%. Trotzdem, diese Werte erscheinen alle unverhältnismäßig niedrig. So berichtete Viola Roggenkamp in „Die Zeit“(1977) – leider ohne Angabe der Quelle: „In der vergangenen Bundesliga-Saison war jeder vierte an der Stadionkasse – eine Frau.“ (Stollenwerk 1979: 199)

Sechzehn Jahre später kann Stollenwerk hinsichtlich der Anzahl weiblicher Fußballfans nichts Neues vermelden.

Es liegen zwar keine sportwissenschaftlichen Untersuchungen vor, aber inzwischen wurde eine Fülle von markt- und meinungsforschungsorientierten Studien durchgeführt, die meist nicht publiziert wurden und in den Stahlschränken der jeweiligen Auftraggeber liegen. Hier war aber „inoffiziell“ zu erfahren, daß der Fußball auch heute kaum mehr Frauen in die Stadien lockt als noch vor 10 oder 15 Jahren. (Stollenwerk 1996: 56)

Auch als ich im Jahr 2000 im Rahmen meiner Diplomarbeit über „Frauen in der Fußball-Fanszene“ recherchierte, gab es keine nennenswerten Untersuchungen zu dieser Thematik. Weder der Deutsche Fußball-Bund, noch der Landessportbund Hessen verfügten über Datenmaterial. Angefragt bei allen 18 Bundesliga-Vereinen erhielt ich von 12 Vereinen Hinweise, Daten und Untersuchungen. Wenn sich diese z. T. auch intensiv mit der Position und der Problematik weiblicher Fußballfans auseinander setzten, handelte es sich jedoch keinesfalls um vergleichbare Daten. Zum einen weil es keine bundesweiten Untersuchungen gibt, die lokale Unterschiede ausgleichen können, zum anderen weil der Zeitraum und der Umfang meist keine aussagekräftigen Ergebnisse zuließen.

Neben dem Fehlen bzw. der Nicht-Öffentlichkeit vergleichender statistischer Untersuchungen spielen auch geschlechtsspezifische Prozesse in der wissenschaftlichen Betrachtung kaum eine Rolle. Wenn überhaupt dient das wissenschaftliche Interesse an weiblichen Fußballfans der weiteren Erforschung des Gewaltdiskurses im Fußball. Besonders Professor Dr. Gunter A. Pilz befasst sich in verschiedenen Artikeln mit der Rolle von Mädchen und jungen Frauen in gewaltbereiten Fußballszenen.

Bezeichnend für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Frauen im Fußball ist schon der Titel einer dieser Publikationen. „Weibliche Fan-Gruppen im Sport“ – darunter könnte und sollte sich eigentlich mehr verstecken als die Beziehung weiblicher Fans mit dem und zum gewaltbereiten Teil der Fanszene. Dass hierbei der Anteil der teilnehmenden Mädchen und Frauen nur auf Schätzungen beruht („So dürften sich innerhalb der gewaltbereiten, gewaltfaszinierten Fußballszene zur Zeit ca. 10-15 % Mädchen und Frauen befinden, wenn auch in und mit durchaus sehr unterschiedlichen Rollen“; Pilz 1995: 44), wundert angesichts einer solchen Nichtbeachtung weiblicher Fankultur kaum. Auch in anderen Artikeln, die sich z. T. inhaltlich überschneiden, ist das gewalthemmende bzw. -fördernde Verhalten von Mädchen und jungen Frauen bezüglich der männlichen Gruppenmitglieder der Tenor. Mädchen und Frauen in der Hooliganszene schreibt Prof. Dr. Pilz „eine aktive gewalthemmende Rolle“ (Pilz 1995: 45) zu. Auch weibliche Fußballfans im Allgemeinen erhalten in diesem Kontext die Rolle einer Kontrollinstanz männlicher Gewaltbereitschaft. „‘In England hat man festgestellt, daß dort, wo mehr Frauen sind, weniger Gewalt herrscht, denn Gewalt ist überwiegend ein männliches Phänomen’, sagt Prof. Pilz.“ (Müller 1999: 15) Zwar nimmt Pilz ein Ansteigen weiblicher Gewalt in jugendlichen Fußballszenen wahr und bringt dieses auch mit Geschlechtsrollenerwartungen in Zusammenhang:

Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit von Mädchen und jungen Frauen können und dürfen also nicht als bloße Nachahmung eines männlichen Habitus interpretiert werden, sondern sie sind, wie Bruhns/Wittmann (2001) zeigen, als integrierte Bestandteile von Weiblichkeitskonstruktionen zu verstehen, in denen sich der Wunsch nach Anerkennung, Durchsetzungsfähigkeit und Macht ausdrückt und die auf die Notwendigkeit einer geschlechtsdifferenzierenden Gewaltprävention hinweisen. (Pilz 2004: 50)

Auch hier reduziert sich das wissenschaftliche Interesse jedoch auf die Gewaltproblematik und auf die „zentrale Rolle von Mädchen im Gewaltdiskurs und ihren maßgeblichen Einfluss auf den Gruppenzusammenhalt gewaltbereiter Jugendgruppen“. (Pilz 2004: 57)

Wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Fußball und seinen fanspezifischen Phänomenen scheint es momentan kaum zu geben. Mit „Watching the Boys Play“ von Nicole Selmer ist im Jahr 2004 erstmals eine Veröffentlichung erschienen, in der weibliche Fußballfans in ihrer Unterschiedlichkeit und ihrer Gemeinsamkeit zu ihren männlichen Kollegen erfasst werden. Für Frauen war und ist die Aneignung des öffentlichen Raums „Stadion“ keine Selbstverständlichkeit: „Durch die Fixierung auf männliche Wertmaßstäbe und Verhaltensweisen in den angesprochenen öffentlichen Räumen [u. a. Fußballstadien] werden diese überwiegend von Männern genutzt, was zu einer Verstärkung der Fixierung führt.“ (Wetzel 2000: 18) Die Auseinandersetzung mit der männlich dominierten Fußballkultur birgt Rollenkonflikte der unterschiedlichsten Art. Gewaltbereitschaft ist nur einer davon. Das Umgehen mit Sexismus, dem sich Mädchen und Frauen Woche für Woche im Stadion ausgesetzt sehen, wäre ein weiterer, der jedoch wissenschaftlich nur in den Zwischenzeilen auftaucht. Hierfür wäre eine Erforschung weiblicher Fanstrukturen vonnöten, die Mädchen und Frauen nicht nur als Begleitphänomen männlicher Fußballkultur ansieht.

Und sie verstehen es doch …

Letztendlich lässt sich weder durch ein vermehrt positives Frauenbild im Fußballmarketing, noch durch ein vermehrtes Auftauchen von Frauen in der Fußballberichterstattung ein Anstieg der Frauenquote in Fußballstadien nachweisen. Noch immer sind weibliche Fußballfans Stiefkinder der Wissenschaft. Und so lange vergleichbare Daten fehlen, sind wir auf subjektive Schätzungen angewiesen. Und nach diesen scheint es auch tatsächlich so, als sei der Anteil der Frauen gestiegen. Sehen wir nicht plötzlich an jedem Zaun die "Groupie-Mädchen"? Sind die Frauen um mich herum im Stadion nicht mehr geworden? Und wieso gibt es denn schließlich seit einigen Jahren immer mehr Frauen-Fanklubs?

Möglich ist es, dass dies alles Anzeichen für mehr Frauen im Stadion sind. Für wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass sich die Rolle weiblicher Fußballfans geändert hat. Frauen haben die Rolle der Begleiterin, der stillen Bewunderin abgelegt. Sie sind aktiv in das Geschehen rund ums Spiel verwickelt und lassen sich den Spielverstand nicht mehr absprechen, was Nick Hornby noch in „Fever Pitch“ so verzweifelt versuchte: „‘Du verstehst das nicht’, rief ich, wie ich es schon seit Monaten gewollt hatte, und ich hatte recht – sie verstand nicht, nicht wirklich.“ (Hornby 1997: 236)

Denn gegeben hat es diese Frauen immer. Sie haben mitgelitten, mitgejubelt, mitgehofft und mitgezweifelt. Vielleicht nicht in der ersten Reihe, vielleicht nicht mit der Form stolzgeschwellter Selbstdarstellung, die männlichen Fußballfans eigen ist, aber nicht desto weniger dem Fußball verfallen. Prozentzahlen sind da eher nebensächlich. Dass sie sich nun auch auf der großen Fußballbühne im Scheinwerferlicht inszenieren (können), ist entscheidend – und dennoch trügerisch. Denn schließlich entscheidet immer noch der (männliche) Sendeleiter, Werbestratege oder Forscher, wie viel weibliche Fußballkultur übermittelt wird und in welcher Form. Nur wenn Frauen weiter ihren Platz im Stadion einfordern und nicht aufhören, ihre Bedürfnisse kundzutun, wird sich die Schere zwischen Selbstinszenierung und öffentlicher Darstellung verringern.

 

Literatur

Hornby, Nick: Fever Pitch. Köln 1997.

Pilz, Prof. Dr. Gunter A.: Mädchen und junge Frauen in gewaltbereiten, rechten Fußballszenen. In: Kugelmann, C.; Pfister, G.; Zipprich, C. (Hrsg.): Geschlechterforschung im Sport. Differenz und/oder Gleichheit. Hamburg 2004, 45-58.

Pilz, Prof. Dr. Gunter A.: Weibliche Fan-Gruppen im Sport. Zur Rolle von Mädchen und Frauen in der gewaltfaszinierten und gewaltbereiteten Hooliganszene. In: Berndt, I.; Voigt, U. (Red.): Fairplay für Mädchen und Frauen im Sport? Frankfurt 1995, 44-48.

Selmer, Nicole: Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans. Kassel 2004.

Stollenwerk, Hans J.: Sport - Zuschauer - Medien. Aachen 1996.

Stollenwerk, Hans J.: Zur Sozialpsychologie des Fußballpublikums. In: Albrecht, Dirk: Fußballsport. Ergebnisse sportwissenschaftlicher Forschung. Berlin/München/Frankfurt 1979, 196-217.

Wetzel, Stefanie: Frauen in der Fußball-Fanszene. Weibliche Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung im Kontext eines männlich dominierten Umfelds. Unveröffentlichte Diplomarbeit am Fachbereich der Erziehungswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a. M. 2000.

Zeitungen/Zeitschriften:

Köster, Philipp: Der Damenbindenfrauenblock. In: 11Freunde Nr. 26 (2003), 11.

Müller, Rainer: Fußballfans zwischen Hörsaal und Südkurve "Im Stadion ist dagegen Emotion pur". In: Unicum 5 (1999), 14-16.

Selmer, Nicole: Fuck funny-frisch. In: taz Nord Nr. 7665 (2005), 24.

 
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