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KOS Schriften 10 |
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Victoria Schwenzer Samstags im Reservat Einleitung Fußball als Zuschauersport gilt – in Deutschland wie in vielen anderen Ländern auch – als eine Domäne heterosexueller, monokultureller Männlichkeit. Oder um in den Worten eines Fußballfans zu sprechen, den ich danach fragte, ob denn Migrant/innen auf den Zuschauerrängen im Stadion seines Bundesligavereines präsent seien: „Bisher ist es wie ein Reservat. Deutsche Männer gehen am Wochenende ins Stadion und gucken sich ausländische Männer beim Fußballspielen an.“(1) Frauen und Migrant/innen sind auf den Rängen unterrepräsentiert, Schwule zumindest weitgehend unsichtbar – aber nicht nur die zahlenmäßige Unterlegenheit macht das Stadion zu einem männlichen Ort, sondern auch die kulturellen Bedeutungen, die mit der Domäne Fußball verbunden sind (vgl. Sülzle 2004: 5). Weibliche und männliche Rollenmuster im Stadion verweisen darauf, wie stark die kulturelle Ordnung der Geschlechter das Verhalten rund um das Stadion bestimmt. Anders als Männer, die auf ein bestimmtes Rollenrepertoire zurückgreifen können, müssen Frauen ihre Rollen im Stadion aushandeln, wenn sie andere als die ihnen zugedachten einnehmen möchten. (2) Allerdings ist Fußball ein Feld, in dem gerade in jüngster Zeit einiges in Bewegung geraten ist: Es gründen sich deutsch-türkische oder schwul-lesbische Fanklubs, von denen manche mit Aktionen an die Öffentlichkeit treten, um sich als Teil einer heterogener werdenden Fußballkultur zu präsentieren, und auch das kürzlich ins Leben gerufene Netzwerk F_in Frauen und Fußball, aus dem dieser Tagungsband hervorgegangen ist, kann als Zeichen für Bewegungen innerhalb der Fußballkultur in Deutschland gewertet werden. Nicht zuletzt wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass der Frauenanteil in den Stadien in den letzten Jahren gestiegen ist.(3) Diese Entwicklungen sind im Kontext einer übergreifenderen Veränderung zu sehen: Fußball ist von einem proletarisch geprägten Spektakel zu einem Event geworden, das verstärkt bürgerliche Mittelschichten in die komfortablen Stadien zieht, in denen man vor Regen und Sonne geschützt dem Spiel folgen kann. Frauen gelten in diesem Zusammenhang oft als Agentinnen einer Verbürgerlichung des Fußballspiels, weil davon ausgegangen wird, dass die aufgeheizte, oft aggressive und vulgäre Atmosphäre der Stehplätze sie abschreckt. Hinter dieser Annahme – sei sie nun zutreffend oder nicht – steht die Vorstellung, dass Frauen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft geschlechtsspezifische Bedürfnisse haben, die mit dem eher männlich-proletarisch konnotierten Verhalten (wie z. B. Saufen und Grölen) auf den Stehplätzen nicht vereinbar sind. In meinem Beitrag möchte ich vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen verschiedene Formen von Diskriminierungen im Fußball analysieren und die Frage diskutieren, in welchem Verhältnis diese Diskriminierungen in der Fußballfankultur zueinander stehen. Mit ähnlichen Fragen beschäftigt sich auch das Forschungsprojekt „Rassismus und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien“, das Teil einer größer angelegten Studie zu „Zuschauerverhalten im Profifußball“ ist, deren Ergebnisse in der zweiten Jahreshälfte 2005 vorgelegt wurden.(4) Das Projekt konzentriert sich auf die Analyse der gegenwärtigen Situation in deutschen Stadien in Bezug auf Rassismus und Rechtsextremismus, der Einschätzung von bereits umgesetzten Gegenstrategien und der Erarbeitung von Rahmenbedingungen, unter denen Gegenstrategien wirksam sind. Die Studie arbeitet mit verschiedenen Methoden der qualitativen Sozialforschung, die an ausgewählten Standorten flexibel eingesetzt werden (Beobachtung im Stadion, situationsflexible Interviews, leitfadengestützte Fan- und Experteninterviews). Die Untersuchung von Sexismus und Homophobie war im Rahmen des Forschungsprojekts ursprünglich nicht vorgesehen; dennoch wurde diese Problematik, soweit es möglich war, mit einbezogen. Eine interessante (wenn auch spekulative) Frage ist, ob eine Studie, die sich ausschließlich mit sexistischen Diskriminierungen beschäftigt, wohl finanziert werden würde. Meine These ist, dass der Kampf gegen Homophobie und vor allem gegen Sexismus im Fußball (noch) keine Lobby hat: Es gibt keine Träger für einen antisexistischen Diskurs in diesem stark geschlechtsspezifisch strukturierten Feld. Dieser These soll im Verlauf des Beitrags weiter nachgegangen werden. Rassistisches und rechtsextremes Zuschauerverhalten „Rechts ist aktueller denn je. Bloß die Leute werden nicht mehr so schwachsinnig rumlaufen und blöd rumkrakeelen, sondern die engagieren sich anders. Eben auf dem politischen Weg.“ (Mitarbeiter der Fanbetreuung eines Vereins) „Seine Meinung hat ja jeder irgendwo, aber die wird nicht laut vertreten. Die Leute, die rechtsnational eingestellt sind, die wissen, es gibt Ärger, die halten im Stadion ihre Klappe.“ (langjähriger Fan) Unter rechtsextremen Verhalten verstehe ich z. B. Parolen, Sprüche, Symbolik, die rechtsextreme Inhalte(5) nach außen transportieren – ein bekanntes Beispiel dafür ist das so genannte U-Bahn-Lied, in dem symbolisch eine U-Bahn von St. Pauli (oder einem beliebigen anderen Verein) nach Auschwitz gebaut wird. Dabei ist noch nicht zwangsläufig etwas über die jeweiligen Einstellungsmuster gesagt, die einem solchen Verhalten zu Grunde liegen – Diskrepanzen zwischen Einstellungsmustern und Verhaltensweisen sind möglich, unter anderem auch deshalb, weil das Fußballstadion von Fans als ein Ort wahrgenommen wird, der bestimmte gesellschaftliche Normen außer Kraft setzt und Verhaltensweisen, die an anderen Orten tabuisiert oder gesellschaftlich unterwünscht sind, möglich macht. Das Singen des U-Bahn-Liedes wird von Fans und von Expert/innen (6) selbst häufig nicht als Ausdruck eines gefestigten rechtsextremen Weltbildes interpretiert, sondern in die kulturelle Logik des Fußballspektakels integriert und als „normale“ Provokation des Gegners gedeutet. Trotzdem definiere ich dies als rechtsextreme Verhaltensweise, denn damit werden pro-nazistische Bilder nach außen transportiert. Rassistisches Zuschauerverhalten umfasst bestimmte Verhaltensweisen wie Sprüche oder Parolen, die Gruppen von Menschen abwerten, die sich angeblich oder tatsächlich durch Kultur, Hautfarbe und/oder ethnische Herkunft von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden.(7) Das prominenteste Beispiel für rassistisches Zuschauerverhalten im Fußballkontext sind die so genannten Affenrufe, mit denen schwarze Spieler europaweit diskriminiert werden. Offenes rassistisches/fremdenfeindliches und rechtsextremistisches Verhalten scheint – zumindest in Deutschland – in den vergangenen Jahren zurückgegangen zu sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein solches Verhalten nicht mehr beobachtbar ist; es sind jedoch eher Einzelpersonen oder kleinere Gruppen, die sich auffällig verhalten. Gleichzeitig scheint sich offen inszenierte Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus eher vom Stadion weg auf die An- und Abfahrtswege zu verlagern. Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass die Problematik in den unteren Ligen, in denen der Beobachtungsdruck und die (mediale) Aufmerksamkeit geringer ist, offener zutage tritt. Der hier pauschal formulierte Rückgang an offen rassistischem/fremdenfeindlichem und rechtsextremem Verhalten sagt allerdings nicht zwangsläufig etwas über die tatsächlichen Einstellungen der Fans aus. Es gibt vielmehr Hinweise darauf, dass Rassismus und Rechtsextremismus in den Stadien nicht verschwunden, sondern lediglich subtiler und unsichtbarer geworden sind. Hinzu kommt der Einzug von rechtem Lifestyle in die Popkultur: Rechts konnotierte Kleidungsmarken und Symbole finden sich als modischer Mainstream in den Kurven. Ein Beispiel für diese modische Gefälligkeit ist die hochwertige Marke Thor Steinar aus Königs Wusterhausen bei Berlin, die aus dem Umfeld der Neonazi-Szene stammt und sich völkischer Symbolik bedient. Dies knüpft auch an einen subkulturellen Trend an, wie er auf der Berliner NPD-Demonstration zum 1. Mai 2004 deutlich wurde: die tendenzielle Abkehr vom Bild des martialischen Skins, das ironische Spiel mit den Zeichen und die Adaption von linker Symbolik und linken Dresscodes. In vielen Vereinen lässt sich ein – je nach Verein unterschiedlich wirkmächtiger – „Politik gehört nicht ins Stadion“-Diskurs feststellen, der von Einzelpersonen und einflussreichen Fangruppierungen vertreten wird und aufgrund dessen politische Äußerungen im Stadion nicht geduldet werden. Dieser Diskurs gilt zum Teil auch für Fans mit rechtsextremen Einstellungen, die sich im Stadion selbst „zurückhalten“, d. h. ihre politische Einstellung nicht offen nach außen tragen. Was jedoch als politisch definiert wird und was nicht, kann sich von Verein zu Verein, von Fangruppierung zu Fangruppierung unterscheiden und umfasst unter Umständen auch antirassistische Aktivitäten. Das heißt, dass das Aufhängen eines antirassistischen Transparentes im Stadion von Fans mit den gleichen Argumenten bekämpft werden kann wie ein rassistisches oder rechtsextremes Transparent. Die kollektive Fanidentität nivelliert tendenziell politische Differenzen; der gemeinsame Bezug zu einer imaginären und realen Fangemeinschaft lässt unterschiedliche politische Anschauungen in den Hintergrund treten. Für viele Fans gehört Fußball nicht zum Privatleben – das Privatleben findet im Gegenteil jenseits des Fußballs statt. Langjährige Fußballbekanntschaften wissen oft wenig voneinander: Der soziale und berufliche Kontext und die politische Weltanschauung bleiben weitgehend ausgeklammert. Dies mag ein Grund dafür sein, dass politische Äußerungen tendenziell erst dann sanktioniert werden, wenn sie allzu offensichtlich ins Stadion getragen werden und dem Image des Vereins schaden. In der medialen Informationsgesellschaft wird das Image eines Vereins immer wichtiger und entscheidet unter Umständen auch über Sponsorengelder. Der rechte Ruf eines Vereins kann imageschädigend wirken; wenn Fans diesen Imagefaktor reflektieren, verhalten sie sich entsprechend den Erwartungen, die von außen an sie gestellt werden – auch um Repressionen seitens des Vereins oder der Polizei zu vermeiden. Dies kann in manchen Vereinen dazu führen, dass Fans sich nach außen hin politically correct verhalten, ohne dass sich zwangsläufig die Einstellungen rechts/rechtsextrem orientierter Fans verändert haben müssen. Rassismus und Rechtsextremismus werden – im Unterschied zu anderen Formen der Diskriminierung wie etwa Sexismus – von Fans in der Regel wahrgenommen und zum Teil problematisiert, zum Teil jedoch auch als „normaler“ Bestandteil der Fußballkultur verharmlost. Die Gründe für den quantitativen Rückgang an rassistischem und rechtsextremen Zuschauerverhalten sind vielfältig und können in diesem Rahmen nicht ausführlich diskutiert werden, sollen hier aber dennoch kurz erwähnt werden. Zum einen gab und gibt es in den letzten Jahren verstärkt sowohl auf lokaler, regionaler und nationaler als auch auf europäischer/internationaler Ebene eine ganze Reihe von antirassistischen Aktivitäten und Kampagnen von Initiativen, Institutionen, Vereinen und Verbänden, deren Ziel es ist, Zuschauer, Institutionen und mediale Öffentlichkeit für die Problematik zu sensibilisieren und/oder pädagogisch auf Fans einzuwirken. Dass dies gelungen ist, zeigt auch die Existenz eines Diskurses der Political Correctness, auch wenn dieser weniger von inneren Überzeugungen als von äußeren Erwartungshaltungen geprägt ist. Auch interne Selbstregulierungsmechanismen in der Fanszene spielen als nicht institutionalisierte Gegenstrategien eine wichtige Rolle. Zum anderen schaffen die anfangs skizzierten neueren Entwicklungen in den Stadien – die Verbürgerlichung der Fußballkultur durch die Verwandlung der Stadien in Konsumarenen und die damit einhergehende perfektionierte Überwachungstechnik und Repression – eine veränderte Fußballkultur, in der rassistisches und rechtsextremes Verhalten zunehmend unpassend erscheint bzw. massiv sanktioniert wird. Der Rückgang speziell an rassistischen Diskriminierungen von schwarzen Spielern wird von Fans und Expert/innen vor allem durch die durchgängig größere Präsenz von schwarzen Spielern in den Vereinen erklärt. Demnach sind Affenrufe, die den gegnerischen Spieler beleidigen, gleichzeitig eine Beleidigung für den schwarzen Spieler der eigenen Mannschaft. Der rassistische Mechanismus an sich wird dabei aber manchmal nicht infrage gestellt (d. h. solange es keinen eigenen schwarzen Spieler in der Mannschaft gibt, gilt die rassistische Beleidigung als legitim). Deutungsmuster: Rassismus als Teil der kulturellen Logik des Fußballstadions Es lassen sich sowohl bei Fans als auch bei Expert/innen unterschiedliche Deutungsmuster feststellen, mit denen die Existenz von Rassismus und Rechtsextremismus im Fußball erklärt wird. In dem dominierenden Deutungsmuster wird Rassismus – und zum Teil auch Rechtsextremismus und Schwulenfeindlichkeit – als Teil der kulturellen Logik des Fußballspiels begriffen. Rassismus wird als Provokation des Gegners gedeutet; Beleidigungen werden als eine Form der Inszenierung verstanden. So konzipieren z. B. die Ultras ihre Darstellungen als einen Wettstreit zwischen zwei Fanblöcken: ein „Fight“, der akustisch und visuell im Stadion ausgetragen wird (analog zum körperlichen „Fight“ der Hooligans). Im Unterschied zu den Auseinandersetzungen von Hooligans beschränkt sich dieser Wettkampf aber auf verbale Attacken. Der „Fight“ ist an das Setting des Fußballstadions als ein besonderer Raum mit besonderen Regeln gekoppelt und kann als eine kulturelle Inszenierung, eine Performance beschrieben werden (d. h. außerhalb des Fußballkontextes können sich gegnerische Fans durchaus gut verstehen). Die Erniedrigung des Gegners (des gegnerischen Fanblocks oder des gegnerischen Spielers) bestätigt gleichzeitig die Homogenität und Zusammengehörigkeit der eigenen Gruppe und verschafft ein Gefühl von Stolz und Macht. Die Erniedrigung wird u. a. an „Schwachstellen“ des Gegners festgemacht, wie das folgende Zitat eines Zweitliga-Fans zeigt: „Man versucht doch immer, den Gegner zu beleidigen. Wenn der Spieler schwarz ist, schreit man halt: ‘Scheiß Schwarzer’, wenn er abstehende Ohren hat, ‘Scheiß Segelflieger’ und wenn er drei Eier hätte, würde man ihn deswegen beleidigen.“ Eine schwarze Hautfarbe gilt demnach als eine solche „Schwachstelle“ und wird analog gesetzt zu anderen körperlichen Mängeln. Damit knüpft man an gesellschaftliche Ungleichheitsdiskurse an – die Bezeichnung als Schwarze, Juden, Schwule, Zigeuner, Asylanten funktioniert u. a. deshalb als Beschimpfung, weil dies eine Chiffre für einen niederen gesellschaftlichen Status darstellt, der mit ethnischer Herkunft oder sexueller Orientierung verbunden wird. Analog werden auch kollektive Zuschreibungen benutzt (Frankfurter sind Juden, Kölner sind Zigeuner), die die Homogenität der eigenen Gruppe sichern. Diese Verhaltensweisen sind keineswegs auf die Ultra-Szene oder den Fanblock beschränkt, sondern sind auch im Sitzplatzbereich zu finden, wenn auch selten als kollektiver Gesang. Rassistische Beleidigungen werden in dieser Argumentation nicht unbedingt von anderen vulgären Formen der Beleidigung unterschieden, sondern mit ihnen auf eine Stufe gestellt. Das Gleiche gilt für homophobe Verhaltensweisen (8), die sich ebenfalls in die Beschimpfungslogik des Spiels einfügen: „Es war bei Heimspielen zeitweise sicherlich so, dass du als gesamte Kurve die gegnerischen Fans als ‘Schwule’ tituliert hast. Und sie so mit abgestempelt hast. (…) Man muss immer darauf achten, wie ernst nimmt man das Ganze. Aber insofern hab ich mit allem eigentlich keine Probleme, solange der Gegner da erniedrigt wird und bepöbelt wird. (Hervorhebung V.S.)“ Das Fußballstadion ist markiert als ein Raum, in dem andere Regeln gelten als in anderen gesellschaftlichen Sphären. Es gibt einen bewussten Verstoß gegen die bürgerliche Moral bzw. bestimmte tabuisierte Beschimpfungen. Was woanders geahndet wird („Scheiß Juden“), ist im Fußballkontext erlaubt bzw. wird toleriert – hier kann man sich gehen lassen, obszön, vulgär und eben auch rassistisch und sexistisch sein. Ein Fan drückte das im Interview so aus: „Im Stadion muss einfach auch eine gewisse Narrenfreiheit erlaubt sein. Das gilt hinsichtlich solcher Sprüche und auch hinsichtlich Feuerwerkskörper. Das ist ein Ventil für die Leute und das ist auch ein bisschen wie Karneval.“ Besonders provokante Lieder gelten demnach als Spaßfaktor; das Fußballerlebnis wird als Rauscherfahrung beschrieben, die dazu führt, dass man sich im Schutz der Masse und durch die Emotionalität der Masse mitreißen lässt – zu Dingen, die man an anderen öffentlichen Orten nie sagen würde, oder aber zu solchen Dingen, die man schon immer sagen wollte, aber nicht öffentlich äußern konnte. Die Atmosphäre der „Narrenfreiheit“ unterliegt allerdings durch die beschriebene Verbürgerlichung des Fußballspiels und die verstärkten Überwachungsmaßnahmen (Kameras in den Stadien, Sanktionen der Vereine wie z. B. Stadionverbote) erheblichen Wandlungsprozessen – und auch der Diskurs der Political Correctness ist ein Indiz für solche Veränderungen. Bestimmte Sprüche, Lieder oder Schimpfwörter haben sich dagegen so weit eingebürgert, dass ihre Bedeutung nicht weiter hinterfragt wird. Für Fans ist ein Kriterium für die Auswahl von Beleidigungen oftmals nicht die Frage, ob bestimmte Sprüche, Lieder, Schimpfwörter rassistische, rechtsextreme oder homophobe Inhalte transportieren, sondern ob sie sich gut reimen und rhythmisch klingen. Ein Beispiel ist die Beschimpfung „Asylanten“. „Asylanten“ wird synonym zu „Arschloch“ verwendet, in den Augen der Fans hat sich die Bedeutung weitgehend abgeschliffen. In einem Gespräch mit einem führenden Protagonisten aus einer lokalen Fanszene wurde dies damit begründet, dass sich aufgrund der kurzen Silben „Asylanten“ so schön skandieren ließe – viel besser als „Arschloch“. Auch die Bezeichnung der gegnerischen Mannschaft als „Schwule“ ist so gängig, dass die Diskriminierung als solche oftmals gar nicht mehr wahrgenommen wird. Die an sich semantisch neutrale Bezeichnung wird als Abwertung der gegnerischen Fans benutzt, die schon in die Alltagssprache übergegangen ist. Das beschriebene Deutungsmuster – Rassismus als Teil der kulturellen Logik des Fußballspiels – wird oft dazu benutzt, rassistische Äußerungen zu verharmlosen oder zu rechtfertigen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dieses Deutungsmuster ernst zu nehmen und die kulturelle Logik des Fußballspiels zu verstehen. Demnach ist das Fußballstadion nicht ein bloßes Abbild der Gesellschaft, sondern eine gesellschaftliche Sphäre mit besonderen kulturellen Regeln. Das Wissen um faninterne Deutungsmuster kann auch hilfreich sein, um erfolgreiche Gegenstrategien zu entwickeln. Dies könnte bedeuten, gängige Erklärungen („ist ja nicht so gemeint“, „das gehört zum Fußball dazu“) z. B. durch ironische Interventionen zu irritieren, ohne die „moralische Keule“ zu schwingen, und gleichzeitig darauf hinzuweisen, welche Botschaften durch welche Beschimpfungen transportiert werden, also beispielsweise auf den Unterschied zwischen „Schwuler“ und „Arschloch“ aufmerksam zu machen. Homophobie als Beschimpfung und als Spiel Das skizzierte Deutungsmuster ist eine der gängigen Erklärungen dafür, wie Rassismus und Rechtsextremismus im Fußballkontext verstanden werden. Auch homophobe Diskriminierungen werden häufig so gedeutet. Sexismus nimmt insofern eine Sonderrolle ein, als dass hier die Beschimpfungslogik nicht greift. Die Erniedrigung des Gegners durch Entmännlichung erfolgt über homophobe Diskriminierungen, während Sexismus sich in der Regel – von Sprüchen wie „Ihr spielt ja wie Mädchen!“ einmal abgesehen – nicht gegen die gegnerische Mannschaft, sondern direkt gegen anwesende Zuschauerinnen richtet. In der männlich konnotierten Welt des Fußballs sind homophobe Beschimpfungen gängig – und häufiger als rassistische Beleidigungen. Hierzu ein Fan: „Was bei uns sehr verbreitet ist, ist Hetze gegen Homosexuelle. Das ist aber überhaupt sehr verbreitet in den Fanszenen. ‘Schwule’ ist eine der meist gerufenen Beschimpfungen bei uns im Stadion, ‘Schwule Sau’, ‘Schwuchtel’. Und auch beim Abstoß, dieser Gesang, der ist zum Glück weniger geworden, aber man hört ihn immer noch: ‘Arschloch, Wichser, Hurensohn, weil du ein Arschloch bist und schwul.’“ Und ein Experte aus einem Fan-Projekt ergänzt: „Wer als schwul bezeichnet wird, das ist [in den Augen der Fans] kein richtiger Kerl, das ist kein richtiger Mann, kein richtiger Fußballfan, das ist auch kein richtiger Fußballer. Analog geht es ja rein in den Profibereich. (…) es kann sich niemand leisten, dass er sich als Fußballprofi – in Deutschland oder auch international – als schwul outet“ „Schwule!“ gehört als Beschimpfung der gegnerischen Fans oder Spieler immer noch zum Standardrepertoire in den Kurven, was in der Regel keinerlei Diskussionen auslöst. Auffällig ist aber gerade das Spannungsverhältnis zwischen offen artikulierter, oft in ihrer Bedeutung schon abgeschliffener Homophobie und der emotionalen, ritualisierten Körperlichkeit unter (männlichen) Zuschauern auf den Rängen. Männer liegen sich in den Armen, weinen miteinander, trösten und freuen sich – es gibt wohl kaum eine gesellschaftliche Sphäre, in der so viel Körperlichkeit zwischen Männern erlaubt und erwünscht ist, ohne dass diese als Homosexualität interpretiert wird. Auf der einen Seite fungiert also Homosexualität als Beleidigung, auf der anderen Seite wird auch mit homosexuellen Andeutungen gespielt, wie die erotische Zurschaustellung des eigenen Körpers vor einem vorwiegend männlichen Publikum in der folgenden, durchaus typischen Episode aus dem Stadion zeigt: Ein Fan ist auf einen umzäunten Kasten geklettert und tanzt den Fans zugewandt mit nacktem Oberkörper. Der Block brüllt: „Ausziehen, ausziehen!“, und irgendwie weckt sein erotisierter Tanz tatsächlich Striptease-Assoziationen und soll wohl auch besonders männlich wirken – schließlich ist es Winter und saukalt.(9) Nach Sülzle 2005 sind – gerade weil das Stadion so männlich besetzt ist und Homosexualität und Fußball scheinbar unvereinbar sind – im Stadion Verhaltensweisen möglich, die in anderen Kontexten als unmännlich gelten würden. Die männliche Konnotation der Fußballkultur ist so stark, dass unter diesem „Deckmantel“ wiederum verschiedene Spielarten des Männlichen gelebt werden können. „Geile Weiber, Fußball und Bier“ – Hierarchisierungen von Diskriminierungen Sexismus ist im Fußballstadion allgegenwärtig und reicht von anzüglichen Kommentaren über sexualisierte Beleidigungen bis hin zu körperlichen Übergriffen, umfasst aber auch Kommentare, die Frauen Kompetenz in Sachen Fußball absprechen (vgl. Hagel/Wetzel 2002). Sexistische Symbolik und Sprüche finden sich auch auf Merchandising-Produkten vor den Stadien – der Fanschal „Geile Weiber, Fußball und Bier“ samt barbusiger Blondine z. B. ist bundesweit beliebt. Charakteristisch für solche kommerziell vertriebenen sexistischen Botschaften im Fußballkontext ist ihre gnadenlose Direktheit: die proletarische Zuspitzung eines Sexismus, der sich jenseits des Stadions in moderateren, gesamtgesellschaftlich akzeptierteren Formen präsentiert. Das Stadion als ein besonderer Raum mit besonderen Regeln sowie die An- und Abfahrtswege, auf die dieser Raum ausgedehnt wird, erlaubt auch hier – ähnlich wie bei der Rassismusproblematik – Verhaltensweisen, die in anderen gesellschaftlichen Kontexten nicht ohne weiteres möglich wären. Die folgende kurze Episode beschreibt keine „normale“ Bahnfahrt, sondern die Bahnfahrt nach einem Fußballspiel: In der Regionalbahn stehen alle dichtgedrängt. Hinter mir ein grölender Fan, der lauthals den Frauen im Abteil anbietet zu „ficken“ – „darin bin ich besonders gut“. Eine junge Frau, die vor mir steht, und ich schauen uns an und verdrehen die Augen.(10) Frauen reagieren auf die vielfältigen sexistischen Diskriminierungen im Fußball entweder mit ironischer Gelassenheit, wie in der beschriebenen Episode, oder aber sie nehmen diese Diskriminierungen gar nicht erst als solche wahr. Nicole Selmer hat in den Interviews für ihr Buch „Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans“ (2004: 89ff.) festgestellt, dass Frauen die direkte Frage nach sexistischen Diskriminierungen meist mit Nein beantworteten. Sie erklärt das vor allem damit, dass Frauen, die sich – im Unterschied zu Männern – ihre Rolle als „echter“ Fan im Stadion erst erarbeiten müssen, Gefahr laufen, die schwer erkämpfte Akzeptanz wieder zu verlieren, wenn sie gegen sexistische Diskriminierungen angehen und sich damit außerhalb der Fangemeinschaft positionieren. Mit dem Herunterspielen oder Akzeptieren frauenfeindlicher Verhaltensweisen treten weibliche Fans, so Selmer, „einen weiteren Beweis dafür an, dass sie auch als Frauen Teil der Männerwelt Fußball sind und deren Regeln akzeptieren.“ (Selmer 2004: 90). Interessant ist, dass Fans beiderlei Geschlechts verschiedene Arten der Diskriminierungen durchaus unterschiedlich wahrnehmen und bewerten. Während Rassismus wahrgenommen und – wie beschrieben – zum Teil problematisiert, zum Teil verharmlost wird, wird Homophobie zwar in der Regel registriert, aber seltener infrage gestellt. Homophobie gilt – stärker noch als Rassismus – für viele Fans als interner Bestandteil der Fußballkultur, der nicht zur Disposition steht. Auf Problematisierungen von solchen Diskriminierungen wird in der Regel mit Unverständnis oder Irritation reagiert: „Wenn du so was nicht ertragen kannst, dann kannst du nicht zum Fußball gehen (…) Worüber du dir alles Gedanken machst!“ Sexismus jedoch steht am unteren Ende der Hierarchie der Diskriminierungen, denn sexistische Beleidigungen werden – anders als Rassismus und Homophobie – in der Regel gar nicht erst als solche wahrgenommen und deshalb auch nicht problematisiert. Fragen danach stoßen besonders bei männlichen Fans auf große Hilflosigkeit oder regelrechtes Erstaunen, wie der folgende Gesprächsausschnitt zeigt: „‘Sexistisch’ – gute Frage an einen Mann. Was ist sexistisch? (…) Gut, das ist die Frage, wie besetzt man das wirklich, oder wie negativ besetzt man das … Klar gibt es … irgendwelche Dumme-Jungen-Lieder wie z. B. ‘Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig …’ [Zustimmung der Interviewerin] Gut, ist das jetzt sexistisch? Ich weiß es nicht. Aus meiner Generation wird das vielleicht nicht so gesehen. Bin ich vielleicht besonders sexistisch …? In der Richtung bin ich doch ein bisschen überfragt.“ Der Gesprächspartner ist eindeutig überfordert, weil das, was er kurz zuvor noch als „normalen“ Bestandteil der Fankultur betrachtet hatte, nun von der Interviewpartnerin als sexistisch definiert wird. Als Mann fühlt er sich für diese Frage nicht wirklich zuständig. Und dies scheint mir auch der Schlüssel dafür zu sein, weshalb Sexismus im Vergleich zu anderen Formen der Diskriminierung so wenig hinterfragt wird: Es gibt im Fußballstadion keine Träger für einen antisexistischen Diskurs – Antisexismus hat in diesem männlich-heterosexuell dominierten Umfeld keine Lobby. Wie Nicole Selmer dargelegt hat, haben die Diskriminierten, die Frauen selbst, bewusst oder unbewusst kein Interesse daran, die Diskriminierung zur Diskussion zu stellen und damit die ungeschriebenen Regeln der Fußballkultur zu hinterfragen, um den Platz, den sie sich erkämpft haben, nicht zu verlieren. Besonders dann, wenn die Diskriminierung sich gegen Frauen allgemein richtet und nicht gegen eine bestimmte Frau, fällt es leicht, sich an bestimmte Verhaltensweisen zu gewöhnen: „Wenn die ‘Fotze’ rufen, dann hör ich das schon gar nicht mehr.“(11) Dass Männer selbst Träger eines antisexistischen Diskurses werden, ist zwar aufgrund ihres Geschlechts nicht unmöglich, jedoch höchst unwahrscheinlich. Natürlich können auch Männer antisexistisch im Stadion aktiv sein – genauso wie weiße Fußballfans sich erfolgreich gegen Diskriminierungen von schwarzen Fußballspielern oder Fans nicht deutscher Herkunft zur Wehr setzen (auch wenn dies aufgrund des Vertretungsanspruchs manchmal nicht unproblematisch erscheint). Aber dennoch bleibt das Stadion ein männlich besetzter Raum, in dem das Reden über Frauen aus einer Machtposition heraus stattfindet. Rassismus und Homophobie dienen innerhalb der fußballinternen Beschimpfungslogik der Erniedrigung des Gegners. Sexismus dagegen hat häufig die umgekehrte Funktion, nämlich die Erhöhung der eigenen Fans, der eigenen Gruppe oder der eigenen Person, z. B. durch erstaunliche sexuelle Potenzfantasien („Von den blauen Bergen kommen wir, unsere Schwänze sind genauso lang wie wir …“). Und da die Stilisierung von Männlichkeit in einem männlich besetzten Raum zu den einfachsten Mitteln gehört, den eigenen Status zu erhöhen, sind antisexistische Interventionen von männlicher Seite wenig wahrscheinlich, zumal sich ein männlicher Fan damit außerhalb des stillschweigenden Konsens stellen würde. Diesen Fußball-Konsens zu irritieren, wird erst dann möglich sein, wenn die Existenz von Sexismus ins Bewusstsein von männlichen (und weiblichen) Fans dringt – z. B. durch öffentlichkeitswirksame Kampagnen, wie sie seit einigen Jahren Bestandteil der Antirassismus-Arbeit im Stadion sind.(12) Solche Kampagnen müssten, wenn sie ihre Zielgruppe erreichen wollen, versuchen, an die Sprache der Fans anzuknüpfen und sie irritieren, ohne diese zu vervielfältigen, was sicherlich eine Gratwanderung darstellt. 1 Diese und alle folgenden, nicht anders gekennzeichneten Zitate stammen aus Gesprächen und Interviews mit Fußballfans, die ich im Rahmen des praxisorientierten Forschungsprojekts „Rassismus und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien“ (vgl. Fußnote 4) an unterschiedlichen Bundes- und Regionalliga-Standorten geführt habe. 2 In Schwenzer 2002 habe ich diese unterschiedlichen Rollenmuster – der Experte, der Held, der Enthusiast auf der einen Seite, auf der anderen Seite als Ergänzung zum männlichen Zuschauertyp das schwärmende Mädchen, die zu beschützende Frau, die Begleiterin – näher beschrieben. Sülzle 2004 argumentiert in ihrem Vortrag, dass gerade die Männerdomäne Fußball Frauen (und auch Männern) die Freiheit eröffnet, sich zwischen den Geschlechtern zu bewegen. Dies wird deswegen möglich, weil die hegemoniale Männlichkeit, die das Fußballspektakel umrahmt, grundsätzlich nicht infrage gestellt wird. Frauen müssen sich den Status des „echten Fans, weiblich“ zwar erst erkämpfen. Gelingt dies aber, so kann das Stadion zum Experimentierfeld werden, in dem man sich jenseits vorgefertigter Geschlechterrollen bewegt. 3 Hierzu liegt allerdings kein gesichertes Datenmaterial vor. Möglich ist auch, dass die Präsenz von Frauen im Stadion stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. 4 Die Studie „Zuschauerverhalten im Profifußball – Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Reaktionen“ (http://www.zip-projekt.de) wird vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft gefördert. Sie umfasst drei Teilprojekte – „Ultraszene Deutschland“ (durchgeführt von der Universität Hannover), „Polizei und Sozialarbeit im europäischen Kontext von Fanbetreuung“ (durchgeführt von der Fachhochschule Potsdam) und „Rassismus und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien“, durchgeführt von Sabine Behn und mir von der Camino gGmbH (http://www.camino-werkstatt.de). Camino ist ein freier Träger im sozialen Bereich mit den Schwerpunkten praxisorientierte Forschung, Fortbildung und Beratung. 5 Zu einem rechtsextremen Weltbild gehören nach Richard Stöss (2000: 25f.) folgende Bestandteile: Nationalismus, Rassismus, Wohlstandschauvinismus, Autoritarismus, Antisemitismus und Pro-Nazismus. Andere Autor/innen betonen noch weitere wichtige Aspekte, wie das Streben nach ethnischer Homogenität und Anti-Individualismus. 6 Unter Expert/innen werden alle diejenigen Akteur/innen verstanden, die professionell im Fußballkontext arbeiten, wie z. B. Fanbetreuung, Fan-Projekt, Szenekundige Beamte etc. 7 In rassistischen Diskursen funktionieren kulturelle oder körperliche Merkmale „als Zeichen innerhalb eines Diskurses der Differenz“ (Hall 2000: 7–16). Rassistische Diskurse begründen Ausschließungspraxen, d. h. sie verwehren den ausgegrenzten Gruppen den Zugang zu symbolischen, materiellen und politischen Ressourcen. 8 Unter homophoben Verhaltensweisen verstehe ich Diskriminierungen aufgrund von sexueller Orientierung. 9 Zitat aus meinem Forschungstagebuch, März 2004. 10 Zitat aus meinem Forschungstagebuch, Februar 2004. 11 Aussage eines langjährigen weiblichen Fans. Rassistische Diskriminierungen wurden von derselben Gesprächspartnerin nicht überhört, sondern durchaus wahrgenommen und problematisiert; homophobe Diskriminierungen zwar registriert, aber als „normale“ Provokation gewertet. 12 Offen bleibt die Frage, ob dies tatsächlich im Sinne der Fußballfans, männlich wie weiblich, ist, oder ob, wie Almut Sülzle vermutet, „zu den Dingen, die an der Fankultur schützenswert erscheinen, dieses ‘letzte Reservat echter Männlichkeit’ für alle Beteiligten dazu gehört“ (2004: 9) – mitsamt seinen Bestandteilen und kulturellen Regeln inklusive Sexismus. Denn, so ihre Argumentation, diese Kultur der Männlichkeit schafft eine ganz besondere Atmosphäre und macht das Stadion zu einem gesellschaftlichen Ort, der – vom Aussterben bedroht – anderswo kaum noch zu finden ist. Frauen, die sich als „echte Fans“ durchgesetzt haben, genießen dieses Reservat auf ihre Weise (vgl. dazu auch Sülzle in diesem Band). Literatur Dembowski, Gerd; Scheidle, Jürgen (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002. Hagel, Antje; Wetzel, Steffi: Sexismus im Stadion. Das Stadion – Raum für Frauen? In: Dembowski, Gerd; Scheidle, Jürgen (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002, 147–156. Hall, Stuart: Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Räthzel, Nora (Hg.): Theorien über Rassismus. Hamburg 2000. Schwenzer, Victoria: Fußball als kulturelles Ereignis. Eine ethnologische Untersuchung am Beispiel des 1. FC Union Berlin.. In: Zentrum für Europa- und Nordamerika-Studien (Hg.): Fußballwelten. Zum Verhältnis von Sport, Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Opladen 2002, 87–115 (=Jahrbuch für Europa- und Nordamerikastudien 5 (2001)). Selmer, Nicole: Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans. Kassel 2004. Sülzle, Almut: Männerbund Fußball – Spielraum für Geschlechter im Stadion. Ethnographische Anmerkungen in sieben Thesen. In: Martin Dinges (Hg.): Männer-Macht-Körper. Frankfurt, New York 2005, 175–191. Sülzle, Almut: Das Fußballstadion – eine der letzten Männerdomänen? Ethnographische Anmerkungen zur Geschlechterkonstruktion bei jugendlichen Fußballfans. Vortragsmanuskript; gehalten während des Workshops „Abseitsfalle!?“ im Oktober 2004 in Oberursel bei Frankfurt a. M. |
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