Franciska Wölki

„Kleine Maus, zieh dich aus!“
Als „Pink Lady“ in der Machowelt des Fußballs


Foto: ERWIN

Wir schreiben das Jahr 2005 nach Christus. Ganz Deutschland ist von der Emanzipation beeinflusst. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamer Männlichkeit besessener Ort hört nicht auf, der Vernunft Widerstand zu leisten: das Fußballstadion.

Noch immer scheint hier die Gleichberechtigung ein Fremdwort zu sein. Auch wenn mich meine Wahrnehmung nicht ganz trügt und mittlerweile immer mehr weibliche Zuschauer und Fans Wochenende für Wochenende zu Spielen gehen, findet man immer noch genügend Klischees über männliche Verhaltensmuster im Stadion bestätigt. Während die Jungs in den Fankurven per Megaphon den Ton angeben und große Blockfahnen mit nackten Frauen zeigen, sorgen die Mädchen für Ordnung und sammeln die Doppelhalter und Zaunfahnen nach einer Fußballbegegnung wieder ein. Während männliche Fans den Gegenspieler bei einem Foul verfluchen und als „Hu- Hu- Hu- Hurensohn“ besingen, leiden die weiblichen Fans eher mit dem Gefoulten mit und sorgen sich um dessen Wohl.

Noch immer wird einem im Stadion als Frau ab und zu „Gei-ler A-arsch, la, la, la, la, la, la, laaaaa!“ hinterhergebrüllt oder „Kleine Maus, zieh dich aus, mach dich nackig!“ Auf der einen Seite kann man darüber lachen und es als „Dumme-Jungs-Spruch“ abtun, auf der anderen Seite kann man sich diskriminiert und verletzt fühlen. Dramatisiere ich, wenn es mich stört, oder verharmlose ich, weil ich es nicht so schlimm finde?

Wie verhält „frau“ sich „richtig“? Und gibt es überhaupt „richtig“ oder „falsch“, wenn Mann oder Frau in ein neues Feld eintritt, um dieses zu erforschen, zu beschreiben und zu analysieren? Wie gehen männliche Sozialarbeiter, Fanbeauftragte, Vereinsmitarbeiter, Ordner und Polizisten mit einem um? Fühlen sich die Männer in ihrer letzten, noch männlich dominierten Bastion bedroht? Wie reagieren männliche Fans, wenn man als Sportwissenschaftlerin in ihre Fußballwelt eindringt, um Informationen über ihre Szene zu bekommen? Nehmen sie einen freundlich auf, oder grenzen sie einen eher aus? Und liegt dieses Verhalten am Geschlecht? Wäre es anders, wenn ich ein Mann wäre?

Natürlich wäre es anders! Denn Forschung ist nie neutral. Sie ist immer von Personen abhängig, die Fragen stellen, Antworten finden und die Ergebnisse auf der Basis ihrer Erfahrungen analysieren, interpretieren und reflektieren. Selbst die möglichst objektive und dichte Beschreibung einer Szene, durchgeführt von einem älteren Herrn, wird wahrscheinlich zu anderen Ergebnissen kommen als die eines jugendlichen Mannes – geschweige denn, wenn sie von einer Frau getätigt wird.

Für eine eineinhalbjährige Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft über die Ultra-Szene in Deutschland stellte ich mir zu Beginn meiner Arbeit ganz ähnliche Fragen. Wie komme ich am besten an die Jungs ran? Was muss ich beim Szeneeintritt beachten, gibt es den optimalen Weg und den schlimmsten Fehler? Bis wohin muss ich mich auf die Ultras einlassen, um Vertrauen aufzubauen? Und wann muss ich Grenzen setzen?

Dieses Distanz-Nähe-Problem und die Schwierigkeit, angemessen mit verbalen Attacken oder gar Handgreiflichkeiten umzugehen, kennen Sozialarbeiterinnen auch. Vor gut zehn Jahren wurde das Thema erstmals in Deutschland wissenschaftlich bearbeitet. Im September 1995 in Gauting und im Januar 1996 in Hannover entstand damals im Rahmen von Workshops mit Sozialpädagoginnen, die in Fan-Projekten tätig waren, ein Papier mit einer kritischen Bestandsaufnahme zum Thema „Allein unter Männern?! Pädagoginnen in der Fan-Arbeit – eine Gratwanderung“. Darin beschreiben die Frauen ihre Erfahrungen im Umgang mit den meist männlichen Fans und ihren männlichen Kollegen. Sie berichten von Konfliktsituationen, in denen sie sich häufig allein gefühlt haben, gerade wenn es um sexistische Sprüche oder Anmache der Fans ging, denen die Sozialarbeiter direkt oder indirekt Beifall gezollt haben, indem sie weggesehen, mitgelacht oder sogar mitgemacht haben (vgl. Behn 2000: 1–2).

In einem unveröffentlichten Protokoll der Frauen-Bundesarbeitsgemeinschaft der Fan-Projekte 1994 in Berlin beklagen einige Fan-Projekt-Mitarbeiterinnen auch eine deutliche Dominanz vermeintlich männlicher Verhaltensweisen in ihren Projekten, „wie hierarchische Leitungsmethoden, oberflächliche, ‘fachmännische’ Gespräche, Saufen, Aktionismus in der Arbeit mit den Jugendlichen“ (Hoffman 1994: 2). Gunter A. Pilz lässt in einem Artikel über weibliche Fangruppen im Sport eine Sozialarbeiterin anonym zu Wort kommen, die meint, dass antisexistische Jungenarbeit zu sehr vernachlässigt würde und „wir erst einmal mit unseren männlichen Sozialarbeitern arbeiten, damit sie lernen, ihre eigene Männlichkeit zu reflektieren“ (Pilz 1995: 46).

Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Und was hat sich geändert? Nicht viel. Zumindest durfte ich im letzten Jahr bei der Bundeskonferenz der Fan-Projekte ähnliche Erfahrungen machen, als ich abseits der Tagung bei einer nächtlichen Diskussionsrunde von einem Fan-Projekt-Mitarbeiter gefragt wurde, ob ich nicht lieber aufhören wolle, mit aller Macht die Geheimnisse der Ultra-Szene knacken zu wollen, und wie ich mir das überhaupt vorstellen würde. Schließlich würde ich in seiner Stadt von den Fans nur als Sexobjekt betrachtet werden und eventuell nur wegen meines Aussehens an Informationen kommen. Ein anderer Mitarbeiter fügte noch hinzu, dass es auf der anderen Seite aber auch sein könne, dass die Fans gerade aufgrund meines Aussehens abblocken und mir gar nichts erzählen würden. Außerdem hätte er sich selbst beobachtet, als ich vormittags während meines Vortrags bei der Tagung über unser Forschungsvorgehen „trotz“ meiner Optik dann auch noch ein derart selbstbewusstes Auftreten an den Tag gelegt habe – womit er wohl treu dem Motto „blond und blöd“ nicht gerechnet hatte –, hätten bei ihm erst einmal die Alarmglocken geklingelt und gesagt, „zieh dich zurück“. Diese „Mischung“ von „männlichem Selbstbewusstsein“ und „weiblicher Optik“ machte ihm Angst, dass er mir dadurch eventuell Dinge erzählen könne, die er mir eigentlich gar nicht sagen wolle.

Wäre ich allerdings schüchterner und zurückhaltender gewesen, hätten sie mich wahrscheinlich auch nur belächelt. Also, wie macht man es richtig? Bin ich eine „Hexe“, nur weil mir die Jungs vielleicht etwas erzählen, was sie normalerweise nicht tun würden? Ich zwinge sie doch zu nichts, spiele immer mit offenen Karten und bin mir meiner Verantwortung sehr wohl bewusst. Oder passt intelligent und Frau-Sein für sie etwa nicht zusammen?

Zur Ehrenrettung der Fan-Projekt-Mitarbeiter sei an dieser Stelle aber auch erwähnt, dass die meisten Kollegen mich sehr freundlich aufnahmen und auch einer in dieser Diskussionsnacht in die Runde einwarf, dass die Fans fast alle erwachsene Menschen seien und man mir jetzt nicht vorwerfen müsse, ich würde mein Aussehen ausnutzen. Schließlich wäre es bei ihnen ja nicht anders: Da wäre es dann zwar nicht die Optik, doch würden sie durch ihre Persönlichkeit, ihren Charme, o. Ä. ja auch versuchen, Vertrauen bei den Jungen aufzubauen. Doch was heißt eigentlich „wegen meines Aussehens“? Ich bin eine Frau – und das ist auch gut so! Im Gegensatz zu vielen Sozialarbeiterinnen wirke ich optisch sicherlich wie eine typische „Klischee-Frau“. Ich habe lange Haare, schminke mich gerne und trage auch gerne hohe Schuhe und Röcke. Der Typ Frau also, der früher als Kind im rosa Ballettanzug durch die Wohnung tanzte und heute von vielen schnell als „billiges und dummes Betthupferl“ abgestempelt wird. Dabei stehe ich nur zu meiner Weiblichkeit und verstehe unter Emanzipation auch nicht, mich an die Kleidung und den Habitus der Männer anzugleichen. Ich bin selbstbewusst und unabhängig, weiß, was ich will und gehe meinen Weg. Doch beim Fußball ist das anders: Da verkleide ich mich – trage Jeans, Pullis, Boots und Mützen. Manchmal kommt es mir dabei sogar vor, als ob ich mein Frauen-Dasein komplett ablegen muss. Dass meine Kleidung im Stadion dann aber wenigstens ab und zu rosa ist, ist Ausdruck meiner Persönlichkeit. Komplett verstecken kann ich mich eh nicht. Und für die Fans bleibe ich sowieso die „Pink Lady“, wie sie mich z. B. nach einem Auswärtsspiel in ihrem Internetforum bezeichneten.

Aber warum kann ich als Frau nicht eigentlich auch beim Fußball Frau sein? Ist es nicht diskriminierend, wenn ich mich nicht so geben darf, wie ich bin, nur weil man aufpassen muss, die Fans nicht zu provozieren? Bin ich dann nicht abhängig von der Einstellung der männlichen Zuschauer? Und warum füge ich mich eigentlich diesem ungeschriebenen Gesetz, im Stadion nicht übermäßig weiblich aufzutreten, weil dann Stress vorprogrammiert ist? Emanzipation und Freiheit sieht anders aus – Authentizität auch.

Rund 62 Prozent der befragten Ultras sprechen sich in unserer Fragebogenerhebung1 gegen einen weiblichen „Einpeitscher mit Megaphon“ aus, während nur 7,1 Prozent der Befragten meinten, dass dies kein Problem für sie sei – von Gleichberechtigung also keine Spur.

„Frauen sind bei uns voll akzeptiert, sofern sie nicht in Stöckelschuhen und Handtaschen im Block auftauchen“, sagt mir ein Ultra. Auf meine Frage, ob sie sich auch vorstellen könnten, dass eine Frau das Kommando in der Gruppe übernehmen könnte, antwortet ein anderer:

„Wenn die richtige Frau kommt, kann das schon passieren. Wir haben so zwei, drei Frauen, die von ihrer Person her gar nicht so als Frau gesehen werden, sondern eher als Kumpeltyp. Und das sind natürlich Frauen, die es halt wesentlich leichter haben, die äh auch zuschlagen notfalls, die auch boxen und sich den größten Typ aussuchen“.

Das heißt, eine voll akzeptierte Frau in der Fußballfanwelt ist die, die ihre Weiblichkeit ablegt und sich im Stadion männlich verhält. Oder sie ist ein Groupie, das früher noch wegen der Spieler ins Stadion kam, heute aber eher die auffälligen, lautstarken, kreativen und witzigen Typen der Ultra-Szene anhimmelt. Ansonsten scheinen Mädchen eher die störenden Freundinnen zu sein, die ein Ultra-Mitglied in seinem Ausleben der Ultra-Mentalität hindern.

Selbst weibliche Ultra-Mitglieder finden es seltsam, wenn eine Frau plötzlich ganz alleine in die männliche Ultra-Welt eintritt. So konnte ich z. B. beobachten, dass mich einige Mädchen und junge Frauen zumindest zu Beginn meiner Forschung eher skeptisch betrachteten und mit Distanz auf mich reagierten, konnten sie doch nicht einschätzen, was ich in dieser männlich besetzten Welt tatsächlich wollte. Einige dachten sicher, ich wolle ihnen ihr Revier streitig machen?!

Zwar gibt es auch vereinzelt rein weibliche Ultra-Gruppierungen, doch werden diese nicht überall gleichermaßen akzeptiert, zum anderen auch von gegnerischen Fangruppen gerne dazu benutzt, um mit Sprüchen die Gegner zu provozieren wie z. B. „Eure Mädels werden auch noch gefickt“. Wenn das umgekehrt bedeutet, dass die Jungen auf die Mädchen im Stadion aufpassen müssen, wäre wiederum die männliche These belegt, dass Frauen beim Fußball nur stören und teilweise Probleme machen. Sind es nur aufgemotzte Phrasen oder ernst gemeinte Drohungen? Viele Ultras sagen, es gebe den Ehrenkodex, dass man keine Frau angreife, ihr keinen Fanschal oder keine Zaunfahne klaue. Doch darüber scheinen die Meinungen auch weit auseinander zu gehen. In einem Internetforum schreibt ein Ultra dazu, dass „zwei Titten kein Freifahrtschein“ seien, schließlich müsse eine Frau, die eine Fahne trägt, auch damit rechnen, dass sie überfallen werden kann.

Lebe ich dann gefährlich, wenn ich mit den Jungs zu Auswärtsspielen fahre? Und warum wird mir von einigen Fans nahe gelegt, nicht mit im Sonderzug zu fahren? Zumindest kenne ich von einem Verein eine Geschichte, bei der sich die Fans zur Weihnachtsfeier eine Prostituierte geschenkt haben, die einen Schal des Hassgegners umgehängt bekam, woraufhin jeder mit der „XY Schlampe“ schlafen durfte. Natürlich ist das eher eine Ausnahme, doch die obligatorische Stripperin gibt es schon häufiger auf Fanpartys.

Ein erfahrener Feldarbeiter riet mir neulich erst, ich solle auf mich aufpassen, denn keine Forschung sei so wichtig, dass man sich dafür vergewaltigen lassen müsse. Schließlich hätte es sexuell motivierte gewaltsame Übergriffe auf Frauen im Fußballumfeld schon gegeben. Inwieweit diese Aussage wirklich der Realität entspricht oder nur als gut gemeinte Warnung etwas „aufgebauscht“ wurde, kann ich nicht einschätzen.

Zumindest hinterlasse ich seitdem zur Vorsicht immer alle möglichen Telefonnummern der Personen, mit denen ich unterwegs bin, bei meinem Freund. Denn die Feldforschungssituationen schwanken ständig zwischen Anerkennung und Ablehnung, Distanz und Nähe. Häufig verstehen die Leute die Situation falsch, wenn ich als Frau ganz alleine mehrere Stunden mit in einem Bus zu Amateurspielen fahre und dann auch noch die Fans zu bestimmten Dingen befrage. Auch wenn ich jedes Mal erzähle, warum oder wozu ich das tue, denken einige schon, dass ich vielleicht privat auch etwas von ihnen wolle. Ich leugne nicht, dass ich viele der Jungen – oder dieser „liebenswerten Arschlöcher“ und „sympathischen Idioten“ (Hoffman 1994: 4), wie sie die Sozialarbeiterinnen gerne nennen – auch wirklich sehr nett finde und es mir auch Spaß macht, mit ihnen unterwegs zu sein, doch neue Beziehungspartner suche ich nicht.

Natürlich sind die Situationen zum Teil schon grotesk. Da sitzt du morgens im Bus neben wildfremden jungen Männern, die privat unterwegs sind, zu denen du aber beruflich Kontakt aufbauen sollst. Meist als einzige Frau und dann auch noch ein paar Jahre älter als die Fans, wirst du erst einmal ausgetestet. Da wird das Bier umhergereicht oder für einen Pornofilm Geld gesammelt – eine Situation, in der genau beobachtet wird, wie du reagierst. Die Entscheidung musst du in Sekunden fällen, Sekunden, die darüber entscheiden, ob dich die Jungen mögen, sich dir weiter öffnen oder dich ablehnen. Ich spende auch ein paar Cent für den Film oder kaufe an der Tankstelle mal einen neuen Sechserträger-Bier, auch wenn ich privat viel lieber Prosecco trinken würde, doch den trinkt „Mann“ in der Fußballwelt ja nicht, und damit würde ich wohl wieder das „Frauen-Klischee“ bedienen.

Ich bin keine Sozialarbeiterin, muss die Jungen nicht belehren oder gar noch erziehen. Im Gegenteil, ich möchte sie so natürlich wie möglich kennen lernen und beobachten, wozu eben auch diese männlichen Rituale zum Einstimmen auf das Spiel gehören, die ich durch meine Anwesenheit nicht zu sehr verändern möchte, weswegen ich mich möglichst unauffällig – gruppenkonform – zu verhalten versuche. Auf der einen Seite könnte ich im Feld zwar klar und vielleicht auch provokativ Stellung beziehen, um Reaktionen für meinen Erkenntnisgewinn zu erzwingen, dadurch aber durchaus auch auf Ablehnung stoßen, weshalb ich mich in diesen Situationen auch für eine eher zurückhaltendere Forschungsstrategie entscheide.

Und selbst wenn ich mich positionieren müsste, fällt dies schwer, denn das männlich konnotierte Verhalten, der Sexismus beim Fußball vermittelt sich so direkt, so einfach, so wenig verstellt und klischeehaft, dass man im ersten Moment nur darüber lachen kann, weil man es für kaum real hält. Während man bei subtileren Verhaltensformen in anderen Situationen den Sexismus zuerst demaskieren, dann aber sicher sofort kritisieren würde.

Als konkretes Beispiel für eine derart komische, aber auch nicht kritikfreie Situation sei noch eine Begebenheit aus der zuvor kurz angesprochenen Busfahrt zu einem Auswärtsspiel genannt. Nachdem die Fans genügend Geld für ihren Pornofilm gesammelt hatten, kommentierten sie nun jegliche Stellung des kopulierenden Paares auf den Bildschirmen mit Fan-Liedern wie „Hüpf Xy, hüpf, olé, oléee“ oder „Zieh dich aus, steck ihn rein, für den Verein“. Anstatt in dieser Situation klar Stellung zu beziehen, musste ich schmunzeln, oder hätte ich mich eher aufregen sollen? Doch wenn Zwanzigjährige voller Inbrunst Lieder wie „Wer fickt die Frau von Sven Vermant? – Ebbe, Ebbe Sand; Wer wichst so gerne in die Hand? – Ebbe, Ebbe Sand“ singen, erinnert mich das stark an frühere Klassenfahrten, als wir „Lieschen, Lieschen“ oder „Manta, Manta“ eher zur Provokation unserer Lehrer und Eltern gesungen haben, statt damit wirklich verinnerlichte Einstellungsmuster preiszugeben.

Oder neutralisiere ich so etwa sexistisches Verhalten und zeige, dass es nicht so schlimm ist? Bin ich vielleicht schon abgestumpft, weil ich mit einem älteren Bruder und seinen Freunden aufgewachsen bin und da schnell gelernt habe, mich als weibliches Küken in einer Männerclique zu behaupten? Oder habe ich dadurch nur gelernt, dass man in einer Männerwelt nur akzeptiert wird, wenn man sexistisches Verhalten übersieht? Wie aber geht es jungen Mädchen, denen diese Erfahrungen fehlen?

Fest steht, dass die Männer beim Fußball nichts von ihrer „Macho-Art“ abgelegt haben. Wenn sie auf der einen Seite eine rechtsfreie Kurve fordern, in der nur sie und nicht die Polizei oder Ordner das Sagen haben, scheint es auch so, als ob das Stadion für sie ebenfalls ein Ort – vielleicht sogar der letzte?! – ist, wo sie sich noch traditionell, „typisch“ männlich verhalten dürfen, wollen und auch müssen. Selbst der eher zurückhaltende Junge aus der 11. Klasse des Gymnasiums schreit, wenn der Schiedsrichter eine vermeintliche Fehlentscheidung getroffen hat, plötzlich in der Masse wie enthemmt „Du Fotze, du Fotze!“, obwohl er abseits des Stadions sicher Mamas Liebling ist.

Die Frage ist nur, ob Forscherinnen – auf der wissenschaftlich reflexiven – und Sozialarbeiterinnen – auf der praktisch handelnden Ebene – das einfach als gegeben hinnehmen möchten oder den Fans auch alternative Verhaltensmuster aufzeigen wollen? Denn wenn deren männlichen Vorbilder nicht anders reagieren und weibliche Fans, Sozialarbeiterinnen oder Wissenschaftlerinnen derartiges Verhalten tolerieren, wird es für die „Männerkultur Fußball“ auch keine Veränderungen geben.

Sozialpädagogische Arbeit mit Fußballfans

Eine parteiliche Mädchen-, sowie eine antisexistische, reflektierende Jungenarbeit kann übersteigerte Männlichkeitsvorstellung aufbrechen (Pilz 1995: 46–47) – nicht nur bei den Fans, sondern zu Beginn vor allem bei den Männern, die mit den Jungen arbeiten und ihre Vorbilder sind. Den Sozialarbeitern sollte klar sein, dass sie sich nicht neutral verhalten können. Denn durch ihr Verhalten wird besonders die Arbeit ihrer Kolleginnen entweder unterstützt oder boykottiert (Behn 2000: 2). Neben alternativen Sport- und Bewegungsangeboten, die sowohl in geschlechtshomogenen als auch in geschlechtsheterogenen Räumen stattfinden sollten, ist es demnach genauso wichtig, sich mit seiner eigenen Geschlechterrolle auseinander zu setzen und sensibler mit dem anderen Geschlecht umzugehen.

Für die Fanarbeit bedeutet das meiner Meinung nach, dass die Sozialarbeiter sich nicht immer nur betont cool geben oder den „Kumpel“ mimen müssen, der durch überzogenes Männlichkeitsgebaren auffällt. Genauso muss es nicht sein, dass die Sozialarbeiterinnen nur die beratenden und zuhörenden Funktionen übernehmen und Beziehungsarbeit betreiben, während ihre Kollegen ihren Schwerpunkt gerne auf Aktionen wie z. B. Fanturniere oder Europacupfahrten legen (Vgl. ebd.).

Wer in der Gewaltprävention erfolgreich arbeiten will, muss zunächst einmal sein eigenes Verhalten hinterfragen. Selbstreflexion muss zu einer Selbstverständlichkeit präventiver Arbeit werden. Auch ist es wichtig, dass sich alle Beteiligten darüber im Klaren sind, wann ein Konflikt mit Fans beginnt, wann die Schwelle dafür überschritten ist und wann die Kollegen wie eingreifen sollten. Dabei sollte jeder und jede Verantwortung für Konflikte übernehmen und sich seiner eigenen – auch geschlechtlichen – Grenzen bewusst sein und diese auch nach außen vertreten (Vgl. ebd.). Erst wenn wir ähnlich wie bei Gewalthandlungen die „Neutralisierungstechniken“ und „Entschuldigungsversuche“, wie den Verweis auf gruppendynamische Zwänge, Konformitätsdruck oder vorangegangene Provokationen, auch im Hinblick auf Sexismus, in der Fußballwelt erkennen und aufbrechen und nicht weiter verharmlosen, besteht die Chance, dass sich in Zukunft auch Frauen im Stadion wirklich sicher und wohl fühlen.

 
nach oben
zurück Zur druckfreundlichen Version wechseln weiter