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Stefan Krankenhagen
Calcio parlato
Ein Interview mit Birgit Schönau
Um mich auf das Interview mit Birgit Schönau vorzubereiten, ging ich den Weg der so selbstverständlich gewordenen wie zweifelhaften Art der Recherche – ich gab bei google den Suchbegriff „Fußballjournalistin“ ein. Darauf bekam ich genau ein Ergebnis und die Frage: „Meinten Sie: Fußballjournalist?“
Diese Auskunft korrespondiert in gewisser Hinsicht mit Klaus Theweleits Buch „Tor zur Welt“, in dem er unter der Überschrift „Die erweiterte Fußballberichterstattung“ von dem „Modernisierungsschub“ (Theweleit 2004: 193) schreibt, den die Sportseiten in den letzten zehn Jahren erfahren hätten, dabei aber den Anteil der Sport- und Fußballjournalistinnen an der inhaltlichen und stilistischen Neuformulierung der Berichterstattung mit keinem Satz erwähnt. Für Theweleit verdankt sich die neue Qualität der Berichterstattung „an erster Stelle der Entschiedenheit junger Sportschreiber, tatsächlich von den Spielen zu berichten, Spielvarianten zu diskutieren, taktische Erwägungen darzustellen und welche Spieler sie umgesetzt haben oder nicht.“ (Theweleit 2004: 188, im Original kursiv)
Meiner Ansicht nach unterschlägt diese These einen entscheidenden Aspekt der gegenwärtigen Fußballberichterstattung, und zwar den neu gewonnenen erzählerischen Impuls dieser spezifischen Textsorte. Theweleit deutet das selbst an, wenn er im gleichen Zusammenhang davon schreibt, dass die oben genannte Generation „ihren Kopf und ihre Finger nicht nur im Sportjournalismus hat, sondern ebenso in anderen Bereichen: Kultur, Popmusik, Politik und weiteren“. (ebd.)
Es hat, das ist sicherlich keine gewagte These, eine deutliche Feuilletonisierung des Sportteils in Deutschland stattgefunden. Diese besteht zum einen darin, dass etwa Franz Beckenbauer von dem Theaterkritiker Benjamin Henrichs als „Meisterschüler Adornos“ (Henrichs 2004) enttarnt wird. Zum anderen, und für diesen Zusammenhang entscheidend, besteht sie darin, dass die Spielberichte selber viel offensiver literarisiert werden. Gunter Gebauer hatte bereits 1983 auf die Erzählstruktur von Sportereignissen verwiesen. Anknüpfend an André Jolles’ Überlegungen in dessen Schrift „Einfache Formen“ (Jolles 1968), sieht Gebauer vorrangig drei Erzählstrukturen, die in der Sportberichterstattung Anwendung finden: die Legende, das Märchen und der Kasus1. Zusammenfassend gesagt, erfüllt die Legende und das darin stattfindende Wunder identifikatorische Funktionen, sie ist „das große Scharnier, das den Sportler auf Intimdistanz an den Zuschauer heranrücken und ihn gleichzeitig als Repräsentanten unbekannter Kräfte erscheinen läßt“ (Gebauer 1983: 142). Das Märchen bedient dagegen vor allem die moralischen Bedürfnisse der Rezipienten: „Für die Fans drückt ein Fußballspiel ein moralisches Geschehen aus.“ (Gebauer 1983: 143). Und die Geschichte des Kasus’ schließlich quantifiziert das Geschehen des Sports im Hinblick auf gesellschaftliche Normen wie Gesundheit, Erfolg und Attraktivität.
Das Ziel dieser narrativen Verfahren in der Beschreibung von Sportereignissen ist offensichtlich: Es geht um kulturelle Sinnzuschreibungen. „Disparates Geschehen verwandelt sich in einen sinnvollen Handlungsbogen, Kontingenz enthüllt sich als Finalität“ (Martínez 2002: 80). Derart verbunden mit den traditionellen Erzählungen einer jeweiligen Kultur kann auch die Sportberichterstattung perpetuierende Geschichten von Epiphanie und Kampf, von siegreichen und gefallenen Helden erzählen. Unbeleckt davon, dass sich diese Geschichten auch ganz anders schreiben ließen.
Womit erneut die Fußballjournalistinnen ins Spiel kommen. Denn dass diese traditionellen Erzählmuster patriarchalisch strukturiert sind, ist offensichtlich – man denke an all die Prinzessinnen im Märchen, die in etwa die gleiche Funktion erfüllen, wie es die ehemalige Fußballjournalistin Katrin Weber-Klüver im Hinblick auf das Gros weiblicher Fans beschreibt: „Praktischerweise scheinen ziemlich viele Frauen mit ihrer dekorativen Rolle der unbedarften Gefühlsnudel ganz einverstanden.“ (Weber-Klüver 2004: 23). Wenn Andrei Markovits und Steven Hellerman in ihrer Untersuchung zur Sportsozialisation in den Vereinigten Staaten einleitend auf die Macht des so genannten „guy-talk“ (Markovits; Hellerman 2002: 61) hinweisen, beschreiben sie damit auch die Schwierigkeiten für alle Neueinsteiger in den entsprechenden Sportraum. Denn diese müssen nicht nur die aktuellen Ergebnisse, Tabellen und Namen kennen, sie müssen viel mehr den Dialog mit der Fußballgeschichte aufnehmen können. Daran wird jeder Neueinsteiger gemessen und jede Neueinsteigerin noch vielmehr, weil dieser Dialog ein traditionell von Männern geführtes Gespräch ist, das nur weil es von Männern geführt wird, in das kollektive Fußballgedächtnis aufgenommen wird.
Soll sich dies ändern, braucht es die Selbstverständlichkeit eines von Frauen geführten Diskurses über Fußball, und es braucht eine Geschichte, also Geschichten von und über Frauen im Fußball.
Birgit Schönau, geboren 1966 in Hamm, ist möglicherweise die bekannteste, sie ist natürlich bei weitem nicht die einzige Journalistin im Printbereich, die regelmäßig über Sportthemen und dabei sehr häufig über Fußball schreibt. Mit und neben ihr tun dies gegenwärtig zum Beispiel Petra Himmel, Elke Wittich, Doris Henkel, Ute Heinzel oder Eva Apraku. Bekannt ist Schönau deshalb, weil sie in der „Süddeutschen Zeitung“ eine regelmäßige Berichterstattung über den italienischen Fußball etabliert hat. Ihre Artikel sind dabei mindestens so literarisch wie journalistisch: kurze Novellen um die Helden Totti, Baggio und Batistuta. Selbst spricht sie davon, dass das, was sie da mache, eigentlich „Auslandsberichterstattung“ sei. Dazu passt, dass sie neben ihrer sportjournalistischen Arbeit die beiden Bücher „Der älteste Nabel der Welt. Entdeckungen in Neapel und Kampanien“ (Wien 2000) und „Gebrauchsanweisung für Rom“ (München 2004) veröffentlicht hat. Birgit Schönau lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Rom. Im Folgenden ein schriftlich geführtes Interview mit ihr aus dem März 2005.
Frau Schönau, zum Aufwärmen und in Anlehnung an die 100-Fragen-Interviews von Moritz von Uslar: hier ganze elf Fragen im Schnelldurchgang, bitte ohne langes Nachdenken:
- Totti oder Nesta?
Totti.
- Lieber auf der Couch oder im Stadion?
Im Stadion natürlich, da sieht man doch viel mehr.
- Einverstanden, dass Frauenfußball ein anderer Sport als Männerfußball ist und dementsprechend auch anders rezipiert werden sollte?
Wie etwas rezipiert werden sollte, darüber möchte ich überhaupt niemandem Vorschriften machen. Aber Frauenfußball ist eine historisch ziemlich neue Angelegenheit – man könnte auch sagen: ein Sport ohne Geschichte. Die Literatur über die Sozialgeschichte des Männerfußballs füllt hingegen mehrere Regalmeter. Männerfußball hat im vergangenen Jahrhundert die Massen wie die Mächtigen bewegt.
- Sinnvoll, dass die deutsche Frauennationalmannschaft nun für Slipeinlagen wirbt?
Wirklich? Grauenhaft. Aber dass die Kunst nach Brot geht, steht schon in „Emilia Galotti.“
- Stimmt der Eindruck, dass es leichter sein könnte, sich als Fußballerin zu outen, denn als Fußballer und wenn ja, warum?
Frauenfußball ist per se progressiv, Männerfußball nicht. Eine Fußballerin muss sich nicht mit traditionellen Weiblichkeitsmustern identifizieren – im Gegenteil, sie betreibt ja einen klassischen Männersport. Im Männerfußball, zumal hier in Italien, ist Homosexualität hingegen immer noch ein echtes Tabu. Männliche Fußballer identifizieren sich mit einer traditionellen Männerrolle. In Italien gibt es keinen einzigen Spieler, der sich als Homosexueller geoutet hätte, allerdings auch keine Spielerin. Aber auch in der Politik ist man hier sehr viel zurückhaltender als etwa in Deutschland. Es ist einfach ein katholisches Land.
- Wann gibt es die erste Trainerin bei einem höherklassigen Männerverein?
Gab es schon. Carolina Morace, ehemalige Nationalspielerin beim italienischen Drittligisten Viterbese. Es dauerte aber nur ein paar Monate – Signora Morace wollte sich ihrem Klubpräsidenten nicht bedingungslos unterordnen.
- Passives Abseits ja oder nein?
Wenn Abseits, dann auch passives Abseits, klar. Aber wenn wir gerade beim Abseits sind: Warum ist diese Regel nur so ein Fetisch für die Männer? Jeder Mensch mit einem normalen IQ kann doch die Abseitsregel erfassen, trotzdem sind viele Männer der Ansicht, Frauen fehle das Abseits-Chromosom.
- Videobeweis ja oder nein?
Nein. Es gibt keine Objektivität im Fußball.
- Stolz, wenn die Kinder auf dem Platz stehen?
Meine Tochter spielt täglich auf dem Schulhof Fußball, mein Sohn nie.
- Heimlich fasziniert von der Gewaltbereitschaft der italienischen Fans?
Wie meinen Sie das denn? Allein das Wort „Gewaltbereitschaft“ lässt mich innerlich aufstöhnen, schlimmes Neudeutsch! Die Jungs sind gewalttätig und basta. Das letzte Mal, dass ich aus dem Olympiastadion flüchten musste, weil es zu Krawallen mit 170 Verletzten kam, taten mir noch eine Woche später die Füße weh. Am letzten Wochenende musste einem AS-Rom-Fan die linke Hand amputiert werden, nachdem neben ihm in der Fankurve ein Feuerwerkskörper explodiert war. Es gibt Tote im italienischen Fankrieg, den letzten vor zwei Jahren beim Derby Neapel-Avellino.
- Ist der Platz ein Ort der Prüfung?
Der Prüfung und des Spektakels.
Danke bis hierhin.
„‘Ich hab den Ball’, hatte Agnolo am Samstagabend den Freunden gesagt. ‘Morgen wird schönes Wetter sein.’“
Sie haben Rom als eine fußballkranke Stadt bezeichnet. Wie äußert sich diese Krankheit?
Der Stellenwert, den Fußball in Rom hat, ist in Deutschland nicht nachvollziehbar. Fußball ist das Thema Nummer eins auf dem Schulhof, beim Arbeitsplatz, beim Einkaufen, beim Frühstück in der Kaffeebar. Wir wissen, für welchen Verein unser Bürgermeister fiebert (Juventus Turin), und kennen die Lieblingsmannschaft unseres Bäckers und Frisörs, wie die des Schuldirektors unserer Kinder. Fußball bietet den Menschen derzeit das wichtigste Identifikationsmodell – für Politik können sich die Römer nicht wirklich erwärmen, und über den Papst sagen sie: „Wenn ein Papst stirbt, wählt man eben den nächsten.“ So lakonisch würden sie aber über Francesco Totti niemals reden.
Fußball ist Big Business: Dutzende von Lokalradios machen Fußballsendungen. Und Fußball verspricht Wählerstimmen. Der Sportdezernent der Stadt Rom, Gianni Rivera, war in jungen Jahren eine Spielerlegende des AC Mailand. Darauf hat er eine politische Karriere aufgebaut, lange Jahre war er Staatssekretär im Verteidigungsministerium, einmal forderte er gar für die linke Mitte Silvio Berlusconi im Parlamentswahlkampf heraus. Bei den Regionalwahlen in Latium Anfang April 2005 wird der ehemalige AS-Rom-Kapitän Giuseppe Giannini als Kandidat für die Berlusconi-Bewegung „Forza Italia“ antreten. Das ist die Dimension.
Und dann muss man einfach sagen, dass sich im Stadion vieles an Gewalt und sozialen Spannungen entlädt. Rechtsextreme Gruppen haben die Fankurven beim AS Rom und bei Lazio Rom regelrecht unterwandert, immer wieder müssen die beiden Klubs Geldbußen für rassistisches Gegröle und neofaschistische Spruchbänder zahlen. In der laufenden Saison 2004/2005 wurden immer wieder Stadionsperren wegen Fankrawallen verhängt, sowohl in der Liga als auch in den UEFA-Wettbewerben. Die organisierten Fans beider Klubs werden von der Antimafia-Einheit der italienischen Polizei laufend überwacht. Ein Fan-Projekt nach deutschem oder britischen Vorbild gibt es in Rom aber nicht.
Sie berichten regelmäßig über Spiele und Spieler italienischer Mannschaften. Werden Sie dorthin ab und zu auch von Ihren Freundinnen begleitet? Gibt es ein sichtbares Fußballfantum von Frauen in Italien?
Ins Stadion gehe ich immer allein, weil ich auf die Pressetribüne nämlich weder Freund noch Feind mitnehmen darf – ohne Presseausweis und Akkreditierung geht das nicht.
Meine italienischen Freundinnen gehen allerdings wirklich nie ins Stadion. Sie interessieren sich auch nicht für Fußball, finden es sogar störend, wenn ihre Männer darüber reden. Fußball ist für sie ganz klarer Männerbereich. Ich rede jetzt über Akademikerinnen aus großen Städten wie Rom, Mailand und Neapel, allesamt berufstätig, fast alle mit Kindern, von denen übrigens die Töchter ausnahmslos einen Lieblingsverein haben. Die Mütter aber sind ganz offenkundig der Ansicht, Interesse für Fußball sei mit weiblichem Rollenverständnis nicht zu vereinbaren.
Anders ist es mit den deutschen Freundinnen. Mit meiner besten Freundin bin ich zu Uni-Zeiten oft gemeinsam ins Stadion gegangen, wir hatten einen sehr unverkrampften Spaß am Fußball. Andere Freundinnen halten Interesse an Fußball für unvereinbar mit ihrem eigenen Rollenverständnis als intellektuelle Frauen. Aber in Deutschland sind ja auch männliche Intellektuelle als Fußballfans noch eine ziemlich neue Erscheinung, noch vor zehn Jahren schlossen sich ein Theaterabonnement und eine Dauerkarte im Stadion aus.
Organisierte weibliche Fans gibt es übrigens trotzdem in Italien, sie haben einen Zentralverband, in dem die Anhängerinnen der einzelnen Klubs versammelt sind. Auch in den Stadien sieht man viele Frauen.
Und im aktiven Bereich? Wie ist der Frauenfußball in Italien positioniert?
Auf jeden Fall im Kommen, aber kein Massenphänomen. Schlagzeilen machte vor ein paar Jahren der Frauenfußballklub aus dem norditalienischen Monza, weil dort die damalige Ehefrau von Ronaldo spielte.

Foto: Gerrit Starcewski
„Eine äußerst wirksame Vermischung der Rollen des Zuschauers, des Teilnehmers und schließlich des Fans sorgt bereits im jungen Alter für eine scheinbar lebenslang unwiderrufliche Treue zu einer Sportart.“
Wann und wie kamen Sie zum Fußballspiel? Und haben Sie selbst gespielt?
Ich habe gespielt, in meiner Familie, in meinem Dorf und vor allem in der Schule. Ich bin nämlich auf ein ehemaliges Jungengymnasium gegangen, als ich dort anfing, machte gerade das erste Mädchen Abitur. In meiner Klasse waren von 36 Schülern neun Mädchen. Ich war furchtbar schlecht im Fußball und froh, als ich Fußball wie den gesamten Schulsport in der 12. Klasse abwählen konnte. Andere wählten Rudern als Abiturfach!
Das macht mich bis heute äußerst nachsichtig in meinen Spielberichten: Was die Spieler auf dem Platz vorführen, ist für mich in jedem Fall so unvorstellbar, dass ich mich niemals erdreisten würde, sie so richtig abzuwatschen. Warum auch? Die Fußballkritik in Deutschland ist oft so gnadenlos protestantisch: Man hat Eintritt bezahlt, die Spieler werden hoch bezahlt, und dafür will man jetzt Leistung sehen. Deshalb ist ja auch der Groll auf die Italiener so stark, die es nicht einsehen, warum sie 90 Minuten lang rennen und sich verausgaben sollen, wenn ihnen doch das 1:0 aus der zehnten Minute bis zum Schluss reichen kann. Ich kann sie verstehen. Mir reichen dann in den folgenden 80 Minuten ein paar nette Einlagen, und sonst schaue ich mal rechts und links, was im Stadion sonst noch los ist. Außerdem bin ich, bestimmt geprägt von meinen frühen aktiven Erfahrungen, eine Anhängerin der Defensivkunst.
Gab es bei Ihnen in der Familie eine Selbstverständlichkeit über Fußball zu reden? Gibt es die heute, mit Ihrem Mann und Ihren Kindern?
Über Fußball kann man ja immer reden, auch wenn man gerade nicht weiß, worüber man sonst reden soll – und das finde ich wunderbar. In meiner Familie wurde nun immer extrem viel geredet, über alles mögliche, auch über Fußball. Ich habe zwei Brüder, auch mein Mann hat zwei Brüder, eine Männerwirtschaft also. Meine Mutter allerdings ist das elfte Kind eines Clans mit Mädchen und Jungen, also das letzte Kind einer ganzen Fußballmannschaft. Sie hat sich immer für Fußball interessiert, mein Vater hat sie nie ernst genommen, und sie hat sich unermüdlich darüber aufgeregt.
In meiner deutsch-italienischen Familie (mein Mann ist Italiener) ist Fußball ein Dauerthema. Wir streiten uns ernsthaft über Fußball, ich finde seinen Lieblingsverein furchtbar und er meinen. Wenn die beiden Mannschaften gegeneinander spielen, schauen wir das Match nie gemeinsam an. Mit den Lieblingsklubs verbinden wir die Charaktereigenschaften des jeweils anderen, wir rücken also faktisch die Schwächen und Fehler des anderen auf eine Meta-Ebene. Ich glaube, das ist beziehungstechnisch ganz gesund. Jedenfalls streiten wir über andere Dinge nicht so intensiv wie über Fußball – die Kinder sind übrigens auf meiner Seite.
Mit was oder mit wem identifizieren Sie sich beim Fußball?
Ich bin ein Fan des AS Rom, und ich glaube, das liegt in erster Linie daran, dass ich eine wirklich große, vollkommen bedingungslose Liebe zu Rom hege. Es ist die Verbundenheit mit der Stadt. Ach, und Totti. Der kann spucken und grätschen wie er will, er bleibt der Kapitän.
„Als ich 1990 anfing, mein Geld als Fußballjournalistin zu verdienen, war ich sicher, dass bald viele Frauen diesen Job machen würden.“
Sie schreiben über Sport und Sportpolitik, über Politik und Gesellschaft in Italien, verfassen Reiseberichte und sind Korrespondentin für den Evangelischen Pressedienst. Für Klaus Theweleit wären Sie eine Popschreiberin. Wie sind Sie zu dieser Vielfalt gekommen, wo und wie sind Sie ausgebildet worden?
Popschreiberin? Klingt knackig. Tatsächlich sind ja einige Fußballer besonders hier in Italien längst Popstars, werden als Models für Modenschauen engagiert und von den Paparazzi der Regenbogenpresse verfolgt. Mir selbst geht es weniger um Pop, sondern ziemlich oft um die Darstellung von wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen, die sich in Italien um den Fußball winden. Ich finde übrigens auch, dass Fußball eher ein Thema für den Wirtschaftsteil einer Zeitung ist und weniger für das Feuilleton. Wer über Fußball schreibt, muss Bilanzen lesen können. Neuerdings muss er sich auch mit Dopingsubstanzen eingehend beschäftigen. Alles anderes ist Folklore. Was in den Feuilletonspalten der Zeitungen über Fußball steht, hat eben sehr wenig mit der Realität zu tun. Es geht ja auch weniger um die Rezeption einer kulturellen Elite, die den Fußball neuerdings auch für sich entdeckt hat und ihn nun irgendwie in ihre vorhandenen Muster einknüpfen muss. Übrigens ist auch das eine typisch deutsche Erscheinung: In Italien gehen die Intellektuellen zwar ins Stadion, hüten sich aber, im Kulturteil abgefahrene Fußballtheorien zum Besten zu geben.
Für den Evangelischen Pressedienst habe ich wirklich mal gearbeitet, kurz nachdem ich in Rom ankam. Aber der Reihe nach: Volontariat bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, kein Schlenker durch die Sportredaktion. Dann Hörfunk beim WDR in Köln und Bonn. Dann Abschluss des Studiums (Journalistik und Geschichte) mit einer Arbeit über Mussolini als sozialistischer Journalist, die Recherchen dazu in Rom. Mitarbeit im römischen Büro der Deutschen Presse Agentur, kleinere Jobs bei der italienischen Nachrichtenagentur ANSA und bei der RAI. Dann Hörfunkredakteurin beim MDR, aber nur sehr kurz. Zurück nach Rom, einen Korrespondenten-„Bauchladen“ mit eben dem epd und mehreren deutschen Regionalzeitungen aufgebaut. Kein Sport, nur Politik und Vatikan. Seit 1998 schreibe ich als Sportkorrespondentin für die SZ, außerdem berichte ich seit einiger Zeit für die ZEIT aus Italien, überwiegend in den Ressorts Politik und Wirtschaft.
Katrin Weber-Klüver schreibt von sich, sie spreche „Fußball mit Akzent“ (Weber-Klüver 2004), um damit auszudrücken, dass sie die diskursive Fußballsozialisation im Erwachsenenalter nachgeholt hat. Wie war das bei Ihnen, wann und wie haben Sie eine eigene Sprache für den Fußball entwickelt?
Ich habe nie eine eigene Sprache für den Fußball entwickelt. Ich habe nur schlicht in genau derselben Sprache über Fußball geschrieben, in der ich auch Artikel zu anderen Themen verfasst habe. Oder, um es banal auszudrücken: Ich glaube nicht daran, dass es männlichen oder weiblichen Sportjournalismus gibt. Ich glaube einfach, dass es guten oder schlechten Journalismus gibt, und guter Journalismus verlangt, genau hinzusehen, genau mit Sprache umzugehen, kreativ und bestenfalls distanziert-ironisch dabei zu sein. Das ist Handwerk, da hilft keine geschlechtsspezifische Deutelei. Im Sportjournalismus haben nur, offensichtlich als Resultat mangelhafter Ausbildung, viel zu lange die immer gleichen Sprachhülsen überdauert. Im Fernsehen ist das heute noch so, da sind die Italiener den Deutschen übrigens um Lichtjahre voraus.
Eine gute Sprache war im deutschen Sportjournalismus allzu lange nebensächlich, weil Expertentum gepflegt wurde, was natürlich bei genauem Hinsehen lächerlich ist: Wer als Journalist Experte einer Sportart ist, weiß deshalb noch lange nicht wirklich mehr als ein gut informierter Leser, der den Sport aktiv betreibt oder auch einfach nur derart fanatischer Anhänger jener Sportart ist, dass er seine ganze Freizeit darauf verwendet. Es geht also um anderes, etwa um die Wiedergabe einer bestimmten Atmosphäre, die ein Spiel schaffen kann, darum, außerordentliche Kunststücke oder Patzer treffend zu beschreiben, das Publikum nie außen vor zu lassen, ohne das der Fußball nicht funktioniert.
Die in den achtziger Jahren bekannte Sportjournalistin Siggi Harreis wurde damals in einem Interview von einer Journalistin gefragt, ob denn eine Frau, die eine Boxreportage mache, dieses auf eine andere, vielleicht eher weibliche Art und Weise tun würde. Sie antwortete: „Wie wollen Sie auf eine weibliche Weise berichten, wie sich erwachsene Männer verprügeln?“ (Stehen 1988: 148) Sind diese Positionen für Sie noch relevant?
Ein kluges Bonmot von Siggi Harreis. Meine Gegenfrage: Was denken Sie denn, wie Frauen über einen Boxkampf berichten? Ich berichte über das, was ich sehe, gleichgültig ob sich vor meinen Augen erwachsene Männer verprügeln oder ich gerade durch die Männerabteilung im Jugendgefängnis von Neapel laufe. Im letzteren Fall aber würde niemals eine Frage nach weiblicher Wahrnehmung kommen. Mittlerweile sind viele Frauen als Kriegsreporterinnen unterwegs, die fragt aber niemand nach ihrer weiblichen Wahrnehmung. Als Fußballreporterin jedoch beobachte ich auch nach vielen Jahren noch das Staunen der männlichen Kollegen aus Deutschland – natürlich nicht der meiner eigenen Zeitung, die niemals aus meiner Geschlechtszugehörigkeit ein Thema gemacht haben: „Sie schreiben über Fußball? Interessant. Und wie geht das so … als Frau? Und dazu noch in Italien?“ Manche sagen auch: „Erstaunlich, wie viel Sie über Fußball wissen. Ich meine: als Frau.“ Ein Problem der Kollegen in Deutschland, würde ich sagen. In Italien gibt es diese Art von Erstaunen gegenüber weiblichen Sportjournalistinnen nicht, die übrigens bei der Sportreportage im Staatsfernsehen und in der größten Tageszeitung „La Repubblica“ führend sind.
Wie würden Sie die Form Ihrer Sportberichterstattung beschreiben? Und gibt es für Sie so etwas wie ein Ziel Ihrer Arbeit – damit meine ich: Bedeutet Ihnen die gesellschaftliche Einbindung Ihrer spezifischen Arbeit als Sportjournalistin etwas?
Genau darum geht es. Fußball ist längst Politikum, die Serie A ist in Italien das elftgrößte Wirtschaftsunternehmen. Sportberichterstattung als Teil der Italienberichterstattung, insofern bin ich sicher ein Sonderfall.
Wird denn in der Fußballberichterstattung, die so sehr ein Gespräch von und für Männer ist, implizit auch über Frauen, bzw. über das Geschlechterverhältnis geredet – von den Zoten einmal abgesehen?
Warum sollte in der Fußballberichterstattung das Geschlechterverhältnis ein Thema sein? Zoten sind mir noch nicht untergekommen – außer einer von Giovanni Trapattoni, gerichtet an eine RAI-Reporterin: „Mädchen, in die Kabine darfst du nicht rein, da fliegen zu viele Piepmätze.“ Gemeint war natürlich das männliche Geschlechtsteil.
„Die Zukunft des Fußballs ist weiblich.“
Eine blöde Frage, aber sitzen in den Sportredaktionen nur Männer?
Überhaupt keine blöde Frage! Frauen kann man an den Fingern einer Hand abzählen: Bei der SZ gibt es neben mir noch Christina Warta, die aber selten über Fußball schreibt.
Glauben Sie, es lesen heute mehr Frauen den Sportteil, weil Frauen darin schreiben?
Schon möglich. Ich kenne weibliche Kommentare wie: „Ich lese ja sonst nie den Sportteil, aber deine Berichte finde ich interessant, weil sie sich nicht nur um Fußball drehen.“
Ist, wie FIFA-Präsident Blatter prognostizierte, die Zukunft des Fußballs wirklich weiblich?
Ach, wieso denn? Fußball bleibt ein Männersport und wir werden viel Spaß beim Zuschauen haben. Und beim Berichten.
Wie sind grundsätzlich die Reaktionen auf ihre Profession?
Die Reaktionen sind eigentlich sehr positiv. In vielen Jahren Sportberichterstattung habe ich nur einen einzigen wirklich bösen Leserbrief bekommen, nach einem Bericht über die Formel 1. Da hat ein Leser geschrieben: „Wenn diese Frau geschrieben hätte, das Auto war rot und basta, wäre es weniger peinlich geworden.“ Er hatte Recht, von Rennwagen habe ich wirklich überhaupt keinen Schimmer. Aber dem Ton seines Schreibens war zu entnehmen, dass er sich persönlich beleidigt fühlte, weil eine Frau ihren Senf zu seinem Lieblingsthema abgegeben hatte. In meinem Lieblingsleserbrief steht: „Sie hat zwar viel Ahnung von Fußball, aber vom Kochen versteht sie nichts.“ Da hatte ich ein Fußballspiel anhand der Menüfolge einer Speisekarte beschrieben. Dem Leser werde ich ewig dankbar sein – ich koche nämlich mindestens einmal pro Tag. Das wenigstens aber merkt man meinen Berichten nicht an.
Sind Sie persönlich an Frauenfußball interessiert, würden Sie darüber berichten wollen?
Ich glaube, ich würde noch nicht einmal über Bundesligafußball berichten wollen. Ich bin schlicht Italienkorrespondentin mit einem besonderen Fachgebiet.
Vielen Dank für Ihre Antworten.
Literatur
Gebauer, Gunter: Geschichten, Rezepte, Mythen. Über das Erzählen von Sportereignissen. In: Lindner, Rolf (Hg.): Der Satz „Der Ball ist rund“ hat eine gewisse philosophische Tiefe. Berlin 1983, 128–145.
Henrichs, Benjamin: Endspiel oder: Beckett, Beckham, Beckenbauer. In: Süddeutsche Zeitung, 10./11.06.2004, Wochenendbeilage, VI.
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