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Christian Tagsold Mittendrin und doch abseits Die Anfeuerungsrufe in Fußballstadien der J.League liegen eine Stimmlage höher als in Deutschland. Dieses schon oft angemerkte Phänomen lässt sich auf den relativ hohen Anteil weiblicher Fußballfans in der Profiklasse des japanischen Männerfußballs zurückführen. Fast die Hälfte der Fans in J.League-Stadien sind normalerweise Frauen, und dabei handelt es sich keineswegs um dekorative Spielerfrauen oder Mütter, die ihre Männer oder Söhne zum Spiel begleiten. Die weiblichen Fans bevölkern ebenso wie ihre männlichen Kollegen die Fankurven und stehen diesen in nichts außer der tiefen Stimmlage nach, wenn es darum geht, das eigene Team nach vorne zu bringen. Sie sind gleichberechtigter Teil einer agilen, bunten und dabei sehr friedlichen Stadionkultur. Ein Blick auf die Geschichte der seit 1993 existierenden J.League und das gesellschaftliche Umfeld in diesen zwölf Jahren lässt zumindest im Hinblick auf Letzteres Zweifel aufkommen. Schon das Fehlen eigener Fanklubs und Fanorganisationen von Frauen oder für Frauen legt die Vermutung nahe, dass Genderfragen in den Stadien nicht bis zur letzten Konsequenz ausgefochten werden. Die J.League ist in einem ganz bestimmten gesellschaftlichen Kontext entstanden, aus dem heraus sich erklären lässt, warum es in Japan so viele weibliche Fußballfans gibt. Die J. League als Produkt Bis Anfang der 1990er-Jahre hatten die Teams der ersten japanischen Fußballliga nicht nur keinen besonders ausgeprägten Anhang, sondern auch nicht auffällig viele weibliche Fans. Die Liga wurde aus Firmenmannschaften gebildet, denen man wie oft im japanischen Profisport am Namen meist noch nicht einmal ansehen konnte, aus welcher Stadt sie kamen. Diese Teams rekrutierten ihren Nachwuchs aus Oberschul- und Universitätsmannschaften und boten den Spielern die Chance, nach Abschluss der Fußballkarriere in der Firma weiterzuarbeiten. Damit entsprach die Karriere der Fußballer im Wesentlichen dem in der Nachkriegszeit zum Standard gewordenen männlichen Karrieremodell der japanischen Gesellschaft.(2) Die Liga orientierte sich am olympischen Amateurideal. Nachdem dieses Ideal aber von der olympischen Bewegung selbst in den 1980er-Jahren fallen gelassen wurde, begann sich der japanische Fußballverband, die JFA, neu zu orientieren. In der Folge dieser Entwicklung wurde schließlich 1991 die J.League gegründet, eine Profiliga mit anfangs 14 Vereinen. Für die Struktur der Liga und ihres Umfeldes wurden einige zentrale und neuartige Entscheidungen getroffen, die letztlich auch großen Einfluss auf die Attraktivität für Fans und insbesondere deren Zusammensetzung hatten. Der hohe Anteil weiblicher Fans ist keineswegs zufällig, basiert aber wesentlich mit auf Entscheidungen, die erst einmal in eine ganz andere Richtung zu weisen scheinen. Vor allem das Hometown-System, die starke Verbindung jedes Klubs mit einer Heimatstadt, war die bedeutsamste Neuerung. Unternehmen, die die Mannschaften finanzieren, sollten in den Hintergrund treten und stattdessen die lokale Bindung der Teams in den Vordergrund gestellt werden. Die Teamlizenzen wurden relativ gleichmäßig über ganz Japan verteilt, sodass die J.League mit Mannschaften in allen großen Regionen Japans vertreten ist. Die Teamnamen bestehen aus Fantasienamen, die wie in Amerika von Tierbezeichnungen und Ähnlichem abgeleitet sind und der Stadt, also z. B. Nagoya Grampus Eight, Kashima Antlers oder Sanfrecce Hiroshima. Mit der Einführung des Hometown-Systems verbunden war die Pflicht, zu jedem Profiteam Jugendmannschaften zu bilden. Damit wurde das für Japan typische System der Sportförderung durch die Schulen und Universitäten durchbrochen, das sich am englischem und amerikanischen Vorbild orientiert. Neben dem Hometown-System, das der Liga eine deutlich sichtbare lokale Anbindung gab, legte die J.League viel Wert auf internationale Offenheit. Von Anfang an wurden verstärkt ausländische Trainer und Spieler angeworben, nicht nur, um das Niveau der Liga zu heben, sondern auch, um gezielt ein internationales Image hervorzurufen. So war selbst eine Größe wie Arsene Wenger vor der Übernahme des Trainerpostens bei Arsenal London Chefcoach in Nagoya. Auch brasilianische Fußballstars wie Zico oder deutsche wie Guido Buchwald oder Pierre Littbarski haben die J.League in den 1990er-Jahren geprägt. Der bewusst lokale und gleichzeitig globale Anstrich der Liga war auch Thema der sehr aufwändigen Marketingkampagne vor Start der Liga (Manzenreiter 2002: 142f.). Indem die Liga als Produkt gezielt lanciert wurde, wurde Anfang der 1990er-Jahre ein Fußballfieber in Japan ausgelöst, das dann nach einer Konsolidierungsphase Ende der 1990er-Jahre in ein stabiles Interesse für Profifußball mündete. Mit der ersten Qualifikation einer japanischen Nationalmannschaft für eine Fußballweltmeisterschaft (Frankreich 1998) und der Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft gemeinsam mit Korea 2002 (Horne/Manzenreiter 2002) wurde die Fußballbegeisterung weiter angefacht, wenngleich die Liga nicht mehr an ihren Anfangserfolg anknüpfen konnte. Mit dem Hometown-System bei gleichzeitiger Internationalisierung durch die große Werbekampagne Anfang der 1990er sprach die Liga von Anfang an deutlich mehr weibliche Fans an als andere Zuschauersportarten. Fußball gewann ein zeitgemäßes, attraktives Image, das ihn vor allem für junge und weibliche Zuschauer attraktiv machte. In der ersten Saison der J.League waren knapp 40 % der Fans in den Stadien weiblich (Takahashi 1994: 47). Bei einigen Stichproben waren sogar über die Hälfte aller Fans im Stadion Frauen (ebd.). Gleichzeitig bevölkerte ein auffallend junges Publikum die Stadien – im Schnitt waren über die Hälfte der Zuschauer unter 30 (ebd.: 49). Zehn Jahre später waren die Zahlen weitgehend gleich geblieben.(3) Immer noch sind 40 % der Zuschauer weiblich, und gerade in der Altersgruppe der 19–22-Jährigen ist das Publikum besonders ausgewogen. Hier liegt der Anteil von Frauen unter den Fans bei immerhin 48 %. Dagegen sinkt der Anteil von Frauen mit zunehmenden Alter der Fans, mit Ausnahme der über 50-Jährigen, wo wieder ein deutlich höherer Anteil weiblicher Stadienbesucher zu verzeichnen ist. Möglicherweise handelt es sich hierbei um Mütter oder Großmütter, die ihre Familie zum Spiel begleiten. Takahashi Yoshio (1994: 41) hat in seiner „Soziologie des Fußballs“, die sich als eine der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit der neuen J.League auseinander setzte, dem Kapitel über die Fans offensichtlich bewusst ein Foto vorangestellt, das weibliche Fußballfans in den Mittelpunkt rückt. Die Ausrüstung mit Shirts, Kappen und Fahnen zeigt auch den hohen Grad des Engagements dieser Fans der Kashima Antlers, einem Klub aus einem eher provinziellen Umfeld. Damit hat die J.League ein entscheidendes Zielpublikum erreichen können, denn junge Japanerinnen gelten als eine wichtige Konsumentenschicht. Indem sie angesprochen wurden, konnte die J.League nicht nur die Stadien füllen, sondern darüber hinaus im Verkauf von Merchandisingprodukten reüssieren, also klassischen Fanartikeln wie Trikots aber auch eher untypischeren Produkten mit J.League-Logo oder Teamemblem.(4) Schließlich erzielte die J.League hohe Einschaltquoten im Fernsehen bei für die Werbung hochrelevanten Zielgruppen und konnte auch dadurch schnell ein günstiges wirtschaftliches Umfeld für die weitere Entwicklung schaffen. Die J.League als Produkt hatte einen höchst erstaunlichen Anfangserfolg, mit dem in dieser Größenordnung wohl nur wenige gerechnet hatten. Wieso genau aber der fußballerische Glokalismus, die Betonung lokaler Bindungen der J.League bei gleichzeitiger Stärkung einer internationalen Perspektive, so viel Erfolg bei einem jungen, weiblichen Publikum hatte, lässt sich erst in der Gegenüberstellung von Fußball und Baseball verdeutlichen, das in Japan seit Jahrzehnten die meisten Zuschauer in die Stadien zieht. Fußball vs. Baseball Die JFA versuchte Anfang der 1990er, die neue J.League vor allem gegenüber der größten Zuschauersportart Baseball zu platzieren und wettbewerbsfähig zu machen.5 Baseball wird in Japan in zwei Profiligen zu je sechs Teams gespielt, deren jeweilige Gewinner sich am Ende der Saison in der Japan Series gegenüberstehen und den Meister ermitteln. Die Stadien fassen im Schnitt zwischen 30.000 und 50.000 Zuschauer und sind bei den populären Teams während der weit über 100 Spiele langen Saison sehr gut gefüllt, bei den weniger beliebten Mannschaften allerdings oft auch relativ leer. Baseball wird jeden Tag auf mehreren Fernsehkanälen zur Primetime übertragen, vor allem wenn die Tôkyô Giants spielen, die landesweit die meisten Fans haben. Die Beziehung der beiden Zuschauersportarten Baseball und Fußball und ihr wechselseitiges Image kann idealtypisch dichotom beschrieben werden. Diese Gegenüberstellung ist dabei keiner rein analytischen Außenperspektive geschuldet, weil eine solche Abgrenzung in der Marketingstrategie der J.League schon angelegt war und auch weitestgehend der Sichtweise der Sportfans in Japan selbst entspricht. Nur durch den strategischen Verweis auf die Unterschiede zur wichtigsten Massensportart konnte die J.League hoffen, dauerhaft ein eigenes Publikum zu gewinnen. Außerdem lag es nahe, für Werbung und Merchandising interessante neue Zielgruppen wie eben junge Frauen für das Spiel zu begeistern. Durch das Hometown-System bei gleichzeitiger Internationalisierung wurden zwei typische Züge japanischer Profiligen, die insbesondere auch das Baseball prägen, aufgebrochen. Gerade bei den großen japanischen Baseballteams war es am Namen nicht immer eindeutig ablesbar, wo sie überhaupt spielten. Die Tôkyô Giants oder Nagoya Dragons, beides von großen Tageszeitungen gesponserte Teams, lassen sich noch eindeutig zuordnen. Doch die Seibu Lions, Mannschaft einer Kaufhauskette, oder die Kintetsu Buffalos, getragen durch eine private Eisenbahngesellschaft und daher lange bewusst zwischen mehreren Heimspielorten pendelnd, erfüllen diese Voraussetzungen nicht. Da zudem die meisten Mannschaften in den beiden Regionen Tôkyô und Ôsaka konzentriert waren, war der regionale Anstrich im Baseball schwach, der nationale dagegen sehr ausgeprägt. Dieser starke nationale Anstrich setzte sich auch in einer unterschwelligen Xenophobie fort, die Baseball in der Nachkriegszeit beherrschte (Whiting 1990: 78ff). Auch wenn ausländische Stars nicht unpopulär sind – Randy Bass von den Hanshin Tigers schaffte es Ende der 1980er-Jahre beinahe, eine nationale Ikone zu werden – gibt es doch Vorbehalte. Die große Zeit der Tôkyô Giants, als diese zwischen 1958 und 1974 ohne Ausländer im Team 13 Meisterschaften gewannen, wird von vielen Fans als klassische Zeit des japanischen Baseballs überhaupt angesehen. Ausländische Stars sind eher ein notwendiges Übel als zentrale Sympathieträger, zumal sie im Gegensatz zu den japanischen Spielern die Teams meist nach zwei, drei Jahren wieder verlassen. Durch die Entscheidungen der J.League für Regionalismus und Internationalismus wurde Anfang der 1990er-Jahre indirekt geschickt das konservative, nationalistische und vor allem auch maskuline Image des Baseball hervorgehoben, das sich aus den Idealen des Wirtschaftsaufschwungs der Nachkriegsjahrzehnte speiste. Diese Form der stereotypen Beschreibung des Baseball hat ihren Ausdruck in der Figur des älteren sararîman [Salaryman]6 als typischem Fan, also des Angestellten eines großen Unternehmens, der seine Identität vor allem durch die Firmenzugehörigkeit definiert. Ein weiteres stereotypes Attribut dieses Fans ist eine starke Fixierung auf die Gruppe, die sich in hohem Konformismus niederschlägt. In der Tat finden sich bei Baseballmatches viele sararîman. Der Rhythmus des Spiels mit vielen Pausen zwischen den Höhepunkten ist ideal dazu geeignet, nebenher geschäftliche Gespräche zu führen, mit Kollegen ein Bier zu trinken und interne Probleme zu besprechen oder Geschäftspartner näher kennen zu lernen. Dieser Typ von Fan kommt oft direkt von der Arbeit und trägt daher auch noch Anzug und Krawatte. Speziell die teureren Sitzplatzkategorien sind so bevorzugt an Anhänger vergeben, die ein Japan repräsentieren, das sich seit den Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs nur wenig bewegt zu haben scheint. Auch der herrschende sportliche Diskurs im Baseball spiegelt immer noch die Wertvorstellungen dieser Anhängerschicht wieder. Baseball wird als Sportart betrachtet, bei der eine kollektive Mannschaftsleistung unabdingbar für den Erfolg ist. Voraussetzung ist gemeinsames (über)hartes Training und völlige Unterwerfung unter die Anweisungen des Trainers. Individualismus oder Kreativität sind hinderlich für den kollektiven Erfolg. Japanische Baseballstars sind daher selten „wilde Typen“ mit gefärbten Haaren, Piercings oder einem auffälligen modischen Auftreten. Sie entsprechen eher Hyûma Hoshi, dem Helden der Comicserie Kyôjin no hoshi [Der Stern der Giants], die zu den erfolgreichsten der Nachkriegszeit überhaupt zählt (Schodt 1983: 81–83). Hyûma gab sich im Comic dem Traum, Pitcher bei den Tôkyô Giants zu werden, völlig hin, trainierte unter Anleitung seines Vaters bis an die absoluten Grenzen der Belastbarkeit und stand damals für den Traum vieler japanischer Jungen, die heute sararîman geworden sind. Im Gegensatz dazu hat sich die J.League Anfang der 1990er-Jahre graduell den Ruf erarbeiten können, ein neues, junges Japan zu repräsentieren, das Individualismus und Internationalismus bevorzugt. Rigide Arbeitsmoral und der Verzicht auf die Erfüllung eigener Wünsche zugunsten des nationalen Aufschwungs treten hier zurück hinter individualistischen Konsumvorstellungen und einem unabhängigen Lebensstil. Das Gegenbild des sararîman-Fans ist die junge Studentin oder ihr Kommilitone, das selbständige Mädchen und ihr Freund. Die Stars der Liga sind ausländische Spieler und ausgesprochen individualistische Japaner, die mit ihrem Auftreten im Baseball oder im Japan der Nachkriegsjahrzehnte keinen Platz finden würden. Der Rummel um die populärsten Spieler entspricht dem um Popstars, ein von der J.League nicht nur tolerierter sondern bewusst gewünschter Effekt, da auf diese Weise weibliche Teenager besonders gut angesprochen und für Fußball begeistert werden können. Indem Fußball die Wertmaßstäbe typisch männlicher Karrieren und eines männlich dominierten Umfeldes abgelegt hat, ist es für weibliche Fans leicht geworden, einen affektiven Zugang zu dieser Welt zu finden. Die Atmosphäre im Stadion wird nicht von sararîman bestimmt, die neben dem reinen Interesse am Sport auch wegen geschäftlicher Interessen gekommen sind. Die Karriere der sportlichen Lieblinge ist nicht durch ostentative Askese und Selbstaufgabe geprägt, alleine schon weil sie oft nicht im Schulsport groß geworden sind, der für genau diese Werte steht, sondern in den Jugendmannschaften der J.League. Das große Ziel dieser Spieler ist statt der unbedingten dauerhaften Treue zum eigenen Team, die dem Lebensweg der sararîman entsprechen würde, der Sprung in eine europäische Liga und weist damit Parallelen zum Wunsch vieler junger Japaner auf, die auch gerne für eine gewisse Zeit ins Ausland gehen würden.7 Den Baseballspielern ist der Sprung ins Ausland dagegen immer sehr schwer gefallen. Zum einen waren selbst die Besten über lange Jahre kaum gut genug, um in den USA, dem einzig attraktiven Ziel, ebenfalls große Stars werden zu können. Zum anderen waren sie durch die Vorgaben der Liga langfristig an ihre Mannschaften gebunden, sodass selbst ein Wechsel innerhalb der Liga oft fast unmöglich war. Schließlich ist Fußball ein Sport, der nicht hauptsächlich in den Geschäftszentren des Landes gespielt wird, sondern die jungen Fans können ihre Teams in den meisten Regionen des Landes anfeuern. Mit dieser dichotomen Absetzung von den Idealen des Baseball hat die J.League allgemeine gesellschaftliche Trends der letzten Jahrzehnte aufgegriffen, die zu neuen Formen zivilgesellschaftlichen Engagements geführt haben. Diese zivilgesellschaftlichen Strukturen beruhen auf einer Verbindung von Glokalismus und der Bewusstwerdung von Genderproblemen, insbesondere durch eine aufkommenden Frauenbewegung. Von der ‘Menschenformung’ zur ‘Regionenformung’ Die Entsprechung zum harten Drill des Baseball und zur Organisation der Liga sind die beiden Schlagworte ningenzukuri [Menschenformung] und kunizukuri [Landesformung], die der konservative Premierminister Ikeda auf dem Höhepunkt des wirtschaftlichen Aufschwungs Mitte der 1960er-Jahre zu seinem Programm machte (Tagsold 2002: 160, Yoshimura 1985: 207–209). Durch Selbstdisziplin und patriotischen Eifer sollten Japan und seine Bürger sich formen und vervollkommnen. Ikeda versuchte mit dieser Programmatik konservative Wertvorstellungen trotz sich verändernder Konsumvorstellungen und Lebensstile fortzuführen. Diese politische Agenda Ikedas bildet den Hintergrund, vor dem eine Geschichte wie Kyôjin no hoshi [Der Stern der Giants] glaubhaft erscheinen konnte. Spätestens mit den Ölkrisen der 1970er-Jahre musste sich dann aber auch Japan neu ausrichten, um den veränderten Gegebenheiten gerecht zu werden. Die konjunkturelle Entwicklung verlangsamte sich zusehends, Termini wie ningen- oder kunizukuri erschienen immer mehr als leere Phrasen. Grundlegende Probleme der japanischen Nachkriegsgesellschaftsordnung wurden offenbar und reizten zum Widerspruch. Andere Leitvorstellungen begannen die Programmatik Ikedas abzulösen und zu ersetzen. In den 1980-Jahren wurde die Betonung regionaler Besonderheiten und die Besinnung auf lokale Traditionen Mode, in den 1990er-Jahren setzte sich dieser Trend fort und führte zu den Begriffen des chiiki-zukuri [Formung der Region] und des machi-zukuri [Formung des Stadtviertels]. Diese Bewegung geht seitdem einher mit der Herausbildung zivilgesellschaftlicher Elemente. Bürgerinitiativen und Vereine haben sich gebildet, die die Belange der Bürger vor Ort in eigene Hände nehmen wollen und damit eine Abkehr vom starken Zentralismus Tôkyô anstreben (Shimada et al. 2001: 162). Diese Form politischer Selbstverwirklichung ist sicherlich keine reine Frauenbewegung, steht aber trotzdem für ein deutlich höheres politisches Engagement von Frauen. Häufig sind es Frauen, die die Nachbarschaft kennen und Maßnahmen ergreifen, während ihre Männer alleine schon durch ihre Fokussierung auf die Geschicke ihres Arbeitgebers weniger Zeit haben, sich um lokale Netzwerke zu bemühen. Zwar lässt sich diese idealtypische Darstellung nicht völlig verallgemeinern und auf alle neuen zivilgesellschaftlichen Strukturen anwenden. So versuchen vor allem jüngere Männer den klassischen Rollenangeboten ihres Geschlechts immer mehr zu entkommen. Doch ist der Trend der Verbindung lokaler Fragen mit genderpolitischen Initiativen unverkennbar und wird auch in gesellschaftspolitischen Diskursen in Japan in dieser Form reflektiert. Insofern spiegeln die Strategien der J.League, um sich in die Herzen der Sportfans zu spielen, also allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen der letzten beiden Jahrzehnte wider, während Baseball als Verkörperung weiter zurück liegender Vorstellungen erscheint. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Fußball eine große Anhängerschaft unter Frauen gefunden hat, die in der maskulin geprägten Welt des Baseball in Japan keinen Platz finden konnten, durchaus aber in der glokalen Atmosphäre, die die J.League geschaffen hat. Auch die zivilgesellschaftlich inspirierten Elemente der J.League, das Hometown-System und seine intensive Verknüpfung mit lokalpolitischen Initiativen und Anliegen, zielten eher in Richtung eines weiblichen Publikums. Junge Frauen wurden von der J.League aber auch sehr bewusst angesprochen, um Fußball als Produkt lancieren zu können, da es sich um eine werberelevante und konsumorientierte Schicht handelt. Insofern sind die zahlreichen weiblichen Fußballfans in Japan nicht unbedingt Ausdruck der Befreiung von Genderzuschreibungen und -beschränkungen. Vielmehr werden diese Grenzen mancherorts vielleicht eingerissen, andernorts aber neu gezogen und anders verlegt. Daher sind die weiblichen Fußballfans in Japan einerseits mitten im Geschehen, andererseits aber auch abseits, denn trotz aller Erfolge der J.League ist die beherrschende Massenzuschauersportart in Japan weiterhin Baseball. Solange dort Frauen als Fans in der absoluten Minderheit sind, kann keine Rede davon sein, dass sich ihre Anwesenheit beim Fußball mit einer Öffnung und Vermischung der Sportkultur insgesamt gleichsetzen lässt. Eher lässt sich behaupten, dass sich mit der Gründung der J.League im Fußball eine spezifische Nische für weibliche Fans geöffnet hat. 1 Das jendâ furî-Konzept – ein japanischer Anglizismus für „gender free“ – wird von einem Teil der japanischen Frauenbewegung getragen, die damit die individuelle Verwirklichung jenseits von Genderkonstrukten anstrebt (Osawa 2000). Die Gesellschaft soll genderfrei, also unabhängig von geschlechtlichen Festlegungen und Zuschreibungen, gestaltet werden. In funktioneller Hinsicht entspricht das jendâ furî-Konzept dabei teilweise dem Gender-Mainstreaming in westlichen Gesellschaften, ist aber gesamtgesellschaftlich äußerst umstritten und wird vor allem von Seiten konservativer Politiker heftigst bekämpft. 2 Dieses ideale männliche Karrieremodell sah bis vor wenigen Jahren die lebenslange Anstellung in einem Unternehmen vor, wobei die Identifikation des Arbeitnehmers mit seinem Arbeitgeber stark gefördert und gesamtgesellschaftlich überhöht wurde. Das Modell griff aber nur für einen Teil der Arbeitnehmer. In den Zuliefererbetrieben oder anders organisierten Betrieben herrschten weitaus weniger günstige Bedingungen. Frauen wurden in diesem Anstellungsmodell stark marginalisiert. Erst seit der Asienkrise wandeln sich die Beschäftigungsformen in Japan deutlich, ohne dass sich indes die Bedingungen für Frauen wesentlich verbessert hätten, die vielmehr als wichtigste ökonomische Opfer der Asienkrise in Japan gelten können. 3 Die Statistiken für 2003 finden sich auf der Homepage der J.League unter http://www.J.League.or.jp/eng/survey.htm [1.3.2005]. 4 Zur Zeit der Einführung der J.League studierte ich in an einer japanischen Universität in einer Provinzstadt, die kein eigenes Team aufweisen konnte, wurde aber selbst dort von einer Welle J.League-Tassen, -Uhren oder -Regenschirmen überrascht, die wie aus dem Nichts vor allem von meinen Kommilitoninnen hervorgezaubert wurden. Literatur Horne, John; Bleakley, Derek: The Developement of Football in Japan. In: Horne, John; Manzenreiter, Wolfram (Hg.): Japan, Korea and the 2002 World Cup. London, New York 2002. Manzenreiter, Wolfram: Japan und der Fußball im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Die J.League zwischen Lokalpolitik und Globalkultur. In: Fanizadeh, Michael; Hödl, Gerhard; Manzenreiter, Wolfram (Hg.): Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs. Frankfurt a. M. 2002, 133–158. Osawa, Marie: Government approaches to gender equality in the mid-1990s. In: Social Science Japan Journal 3 (2000). Oxford, 3–19. Schodt, Frederik L.: Manga! Manga! The World of Japanese Comics. Tôkyô 1983. Shimada, Shingo; Blüher, Stefan; Stosberg, Manfred; Tagsold, Christian: Öffentlichkeit im Wandel. Die Einführung der Pflegeversicherung in Japan und in Deutschland. In: Backes, Gertrud M. et al. (Hg.): Zur Konstruktion sozialer Ordnungen des Alter(n)s. Alter(n) und Gesellschaft 5. Opladen 2001, 143–168. Tagsold, Christian: Die Inszenierung der kulturellen Identität in Japan. Das Beispiel der Olympischen Spiele Tôkyô 1964. München 2002. Takahashi Yoshiko: Sakkâ no shakaigaku [Soziologie des Fußballs]. Tôkyô 1994. Whiting, Robert: You gotta have wa. New York 1990. Yoshimura, Katsumi: Ikeda Seiken [Die Regierung Ikeda]. 1575 nichi [1575 Tage]. Tôkyô 1985. |
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