Ulf Heidel

Mit dem Arsch zur Wand …
Vom Warten auf den ersten schwulen Bundesliga-Star

„Ich habe in der Liga noch nie einen homosexuellen Spieler gesehen. Und bisher hat sich auch noch keiner bei mir geoutet. Aber es gibt bestimmt welche, auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann. Wenn sich einer outen will, soll er das ruhig tun. Das ist doch jedem selbst überlassen.“ (Rudi Assauer, Manager von Schalke 04, zit. nach Bödeker 2004)

„Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten. In einem heterosexuellen Mannschaftsgefüge ist man direkt der Außenseiter, wird angreifbar für Mitspieler, Gegenspieler und Medien.“ (Corny Littmann, Präsident des FC St. Pauli, zit. nach ebd.)

Beinahe sieht es aus wie verkehrte Welt: Während Rudi Assauer Fußballprofis dazu auffordert, durch ein Coming-out seinen persönlichen Vorstellungshorizont zu erweitern, warnt der schwulenbewegte Theatermann Corny Littmann vor einem solch beherzten Schritt durch einen der hoffnungsvollen Jungspunde. Allerdings liegt dem unbeholfenen Toleranz-Edikt des Schalke-Managers wohl eher Indifferenz zugrunde und der Präsident des FC St. Pauli weiß ganz einfach, wovon er redet. Denn dass das Coming-out eines im Licht der Öffentlichkeit stehenden Fußballers schlicht „ihm selbst überlassen“ sei, kann ernsthaft nur behaupten, wer meint, im Fußball herrschten dieselben Regeln wie in anderen Bereichen der Gesellschaft. Wäre dies jedoch der Fall, so darf geschlossen werden, dann gäbe es sie schon – offen schwule Fußballprofis.

Nichtsdestotrotz geistert das Phantom des schwulen Ballkünstlers von Zeit zu Zeit in den Randbereichen der fußballinteressierten Öffentlichkeit umher, SportjournalistInnen und -wissenschaftlerInnen suchen nach Erklärungen, warum es bisher praktisch nicht aufgetaucht ist, und die an verschiedenen Orten gegründeten schwulen oder schwul-lesbischen Fanklubs signalisieren für den Fall seines Erscheinens Solidarität. Aber auch die Hoffnungsfrohen unter ihnen geben Littmann darin Recht, dass ein Coming-out im männlichen Profifußball alles andere als ein Spaziergang werden würde.

Fußball gilt nach wie vor als ausgesprochen homophob. Jede Reportage, jeder Kommentar, jedes Interview zum Thema liefert hierfür illustratives Beweismaterial von den Schlachtgesängen der Fans über Verlautbarungen bzw. Schweigen der Verbände bis zu den Äußerungen tumber Sportler. Der ruppige Männersport Fußball – so heißt es oft zur Erklärung – sei auf Härte geeicht. Wessen Image hier Schwächen aufweist, zieht schnell den Spott nicht nur gegnerischer Fans auf sich. Und „Schwuchtel“ ist auf deutschen Fußballplätzen der Titel für defizitäre Männlichkeit schlechthin (vgl. Dembowski 2002; Lück/Schäfer 2004). Aber selbst wenn diese elementare Form von Schwulenfeindlichkeit im Fußball weit verbreitet sein mag, erklärt sie allein nicht den nachhaltigen „Erfolg“, dass die Bundesliga noch keinen schwulen Profi gesehen hat.

Vielversprechender scheint der Hinweis auf die männerbündischen Strukturen im Fußball, die wiederum von der Mannschaft über die Fankultur bis hin zu den Verbänden reichen (vgl. Brändle/Koller 2002: 209–217). Männerbund meint dabei mehr als nur den Ausschluss von Frauen, der vielmehr die Grundlage dafür bildet, im relativ abgeschotteten Inneren des Bundes neben dem spielerischen Können auch die Gemeinschaftlichkeit einzuüben. In der ‘Sozialisationsagentur’ Männerbund sollen die Einzelnen als aufeinander abgestimmte Teile eines Gesamtkörpers funktionieren – nicht der ausgeprägte Individualist, die Mannschaft ist der Star. Affektiven Beziehungen wie Freund- oder Kameradschaften mag auch ein Selbstzweck zugeschrieben werden, unter funktionalen Gesichtspunkten dienen sie dem Zusammenhalt, der für den Erfolg unerlässlich scheint.(1) Dem Männerbund-Gedanken widerspricht auch die wohl vornehmlich in Deutschland lange gültige Wertschätzung für Führungsspieler in keiner Weise, denn deren Qualitäten werden ja gerade darin gesehen, aus den elf Freunden eine Einheit zu machen, und nicht darin, sich selbst – auf oder auch neben dem Platz – ins Rampenlicht zu spielen.

Zentrales Merkmal des Männerbundes ist aber die rigide Desexuierung, d. h. die Dethematisierung von sexuellem Begehren und sexueller Identität. Ähnlich wie die Armee vereinnahmt auch der Fußball die Einzelnen über eine Zurichtung der Körper, die über das Training hinaus eine weit reichende Kontrolle von Lebensbereichen beansprucht, die gemeinhin als privat erachtet werden, wie etwa Ernährung und Gesundheit. Sexualität hingegen wird möglichst vollständig aus den Gefilden des Männerbundes entsorgt, was ja – insofern Heterosexualität bei einem Fußballer als selbstverständlich unterstellt wird – mit dem Ausschluss von Frauen ohnehin erledigt scheint. Dringt Sexualität dann doch einmal in diese symbolische Ordnung ein, so geht es dabei wie in der leidigen Sex-vor-dem-Spiel-Diskussion vornehmlich um die physische und psychische Funktionstüchtigkeit der Spieler, während der Körper der so genannten Spielerfrauen entweder zum zulässigen „Fitnessgerät“ degradiert oder zur „Bedrohung der mühsam erlangten Perfektion von Körper oder Konzentration“ stilisiert wird (Selmer 2004: 120).(2) Auch im Falle seiner temporären Duldung untersteht der Sex also dem übergeordneten Interesse des Männerbundes, der Entscheidung von Trainern und Medizinern.

Aber die Desexuierung erschöpft sich eben nicht im Fernhalten von Frauen, sie beruht auch auf der Regulierung dessen, was zwischen den Spielern als statthaft und dem Mannschaftsgefüge zuträglich gilt und was nicht. So erscheint es zunächst paradox, dass gerade der Fußballplatz Männern ein Repertoire körperlich intimer Gesten erlaubt, die an anderen Orten als liebevoll, erotisch oder sexuell erlebt würden.(3) Eben darin besteht jedoch der ‘Trick’ des Männerbundes, im geeigneten Moment Praktiken körperlicher Nähe nicht nur zu erlauben, sondern zur Intensivierung des Zusammenhalts zu befördern. Dass das Tätscheln und Wuscheln, Umarmen und Bespringen, Herzen und Küssen von Spielern wie ZuschauerInnen als nicht sexuell wahrgenommen wird, ist dabei ein Effekt kultureller Gewöhnung, wie die Skepsis veranschaulicht, die den im nördlicheren Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommenen Ausdrücken gemeinsamen Jubelns entgegengebracht wurden (Morris 1981: 164f.). Noch 1981 befürchtete die FIFA offensichtlich eine Art Schwulisierung, als sie das Küssen als „unmännlich, übertrieben gefühlsbetont und deshalb unangebracht“ brandmarkte (Eichler 2004: 251). Aber selbst wenn Küsse zumindest hierzulande eher die Ausnahme bleiben, gehört eng umschlungenes Jubeln nun schon lange zur Fußballnormalität. Und insofern solche offen zur Schau gestellten Emotionen im Fernsehen genauso zu einer erfolgreichen Torszene gehören wie deren Vorbereitung, dürfte die Medienwirksamkeit des großen Knuddelns auch die Funktionäre überzeugt haben.

So unsichtbar sie auch zumeist ist, die Desexuierung ist ein zentrales Moment im Funktionsgefüge des Männerbundes, und die Jungs können sich eben gerade so lange ‘unschuldig’ zusammen über den Rasen wälzen, solange der ‘Heterosexualitätsverdacht’ unangefochten bleibt. All dies würde ein schwuler Spieler infrage stellen, denn unvermeidlich wäre mit ihm der Verdacht im Spiel, dass nicht Freude, sondern Begehren ihn den körperlichen Kontakt suchen lässt. Gerade dass der Männerbund weitestgehend von jeglicher Sexualität gesäubert ist, lässt schon den Gedanken an einen schwulen Spieler zur verräterischen Angstfantasie werden, wie sie einst Schalke-Keeper Frank Rost entfuhr. Gefragt, ob es denn in der Liga schwule Kicker gäbe, verneinte er und fügte unnötigerweise hinzu: „außerdem dusche ich immer mit dem Arsch zur Wand“ (zit. nach Völker 2002).

Corny Littmann könnte also völlig zu Recht die Mitspieler als Erste genannt haben, als er den drohenden Außenseiterstatus eines geouteten Profis an die Wand malte. Rosts Unbehagen spricht überdeutlich von der Bereitschaft, zum Zwecke der Versicherung eigener Heterosexualität auszugrenzen. Gerade die Projektion, ein von durchtrainierten Männerkörpern umgebener Schwuler würde spätestens unter der Dusche schwach werden, verweist jedoch weniger auf die Gefahr eines sexuellen Übergriffs als auf die Unmöglichkeit, Sexualität auch als Vorstellung aus dem Männerbund zu verbannen. Denn wie karg und negativ sie auch sein mag, es ist zunächst einmal Rosts sexuelle Fantasie, dass ein Mannschaftskamerad seinen Hintern interessant finden könnte. Ähnlich wie die Kussphobie der FIFA verweist die Angst des Torwarts vor einer mehr als kameradschaftlichen Berührung letztlich auf die homophobe Konstruktion des Männerbundes, die auch ganz ungeachtet persönlicher Ressentiments die Integration eines schwulen Spielers zum Problem zu machen verspricht.(4)

Auch im Medieninteresse sieht Littmann ein Problem. Hier könnte die Lage aber ambivalenter sein. Zum einen tragen die Medien in der Regel zu einer Sexuierung von Schwulen in der Öffentlichkeit bei, weil für sie in der ‘abweichenden’ Sexualität schlichtweg ein Nachrichtenwert liegen kann. Die Berichterstattung würde beim Auftreten eines schwulen Kickers schon durch die bloße Benennung die Besonderung reproduzieren, die der Dichotomie von Homo- und Heterosexualität zugrunde liegt, und insofern tatsächlich ein potenzielles Außenseitertum begründen. Schließlich würde in verschiedenen Variationen der offiziöse Gassenhauer „anders ist auch normal“ intoniert und dadurch immer wieder Andersheit produziert, die dem Betroffenen – ob beabsichtigt oder nicht – die Integration in die Mannschaft erschweren würde. Aber auch ein um Aufklärung bemühter Artikel zum Thema „Homosexualität als letztes großes Tabu im Profifußball“ kann auf subtile Art Rosts heterosexistische Projektion wiederholen, wenn er mit Bildern von duschenden, von Wasserdampf umhüllten Männerkörpern illustriert wird:(5) Denn der „schwule Blick“, der hier inszeniert wird, lenkt die Aufmerksamkeit auf ein fingiertes Verlangen, das wie bei Rost gar keinen schwulen Urheber hat – zumindest berichtet der Artikel selbst von der Angst eines anonym bleibenden Profis vor Demütigung, nicht von seinen erotischen Fantasien beim gemeinsamen Duschen.

Zum anderen aber produzieren die Medien vor allem Unterhaltung. Hier zählt Sexualisierung zu den zentralen Mitteln, von der auch der männliche Körper mehr und mehr erfasst worden ist. Die neue Popularität des Fußballs seit Beginn der 90er-Jahre und seine mediale und kommerzielle Verwertung stellen somit auch und gerade Sportlern eine Zweitkarriere als Werbeträger und Popstars in Aussicht (vgl. John 2002). Die Berufsfußballer haben bisher jedoch auffällig wenig Interesse daran entwickelt, auf diese Weise aus körperlicher Fitness und gegebenenfalls gutem Aussehen Kapital zu schlagen.(6) So erfolgreich und vor allem glanzvoll David Beckham den Weg der eigenen Vermarktung auch jenseits des Fußballzirkus beschritten hat, der Rest der Branche glänzt hier vor allem durch Zurückhaltung. Diese dürfte nicht zuletzt darin begründet sein, dass die mediale Sexualisierung mit dem Desexuierungsgebot des Männerbundes augenscheinlich in Konflikt geraten muss: Wer sich als Fußballer zum Sexobjekt machen lässt, lässt sich auf ein Spiel medialer Verführungen ein, das die symbolische Ordnung des Männerbundes über den Haufen zu werfen droht. Denn so sehr das Spiel auf dem grünen Rasen vom Unerwarteten, Überraschenden lebt, so sehr lebt der Männerbund von der Kontrolle des Verhaltens wie auch der Bedeutungen: Der nackte Oberkörper eines Kickers bedeutet Jubel, Trikottausch, Gesundheitscheck, seine offensive Zurschaustellung mag als Dominanzgeste taugen, ein erotischer Einsatz ist sie kaum. Aber sie kann dazu werden, wenn neue Blicke auf die Spieler fallen und so „von außen“ neue Bedeutungen ins Spiel kommen. Das Skandalöse an Beckham ist, dass er sein Image nicht mehr den Ansprüchen des Männerbundes unterordnet. Dass einer Damenwäsche an sich sexy finden und Kapitän der englischen Nationalmannschaft sein kann, markiert daher eine Entwicklung, die den Männerbund als symbolische Ordnung des Fußballs schwächt und dadurch einen offen schwulen Profispieler immer weniger unmöglich erscheinen lässt.

Wie stark diese Veränderungen nicht nur das Drumherum, sondern schon längst den Fußball selbst ergriffen haben, deutet sich auch in Klaus Theweleits Analyse eines neuen Spielertypus an. In seinem ganzen Auftreten verkörpert dieser demnach nicht mehr die klassischen, sich in Motorik und Gestik festsetzenden Fußballertugenden wie Disziplin und Kampfgeist, sondern fügt sich als „digitalisierter“ oder „schaltender“ Spieler in die neuen vernetzenden Spielsysteme ein: „Spieler, die sichtbar mit dem ganzen Körper denken“. Gerade die nachwachsende Profigeneration verorte sich zunehmend selbstverständlich in einem popkulturellen Raum, sodass ihre Vertreter auch zwischen der Teamarbeit auf dem grünen Rasen und dem Soloauftritt im Fernsehen geschmeidig ‘umschalten’ können. Dieser moderne flexible Spielertypus kommt – so Theweleit – zusehends ohne „die alte Männerbündelei als zentralen Gefühlskitt der Fußballteams“ aus. (Theweleit 2004: 156)

Aus der Perspektive schwuler Emanzipation spricht also einiges dafür, die Transformationen im Fußball durch neue Spielsysteme, Kommerzialisierung und Einpassung der Akteure in die Popkultur als Motor einer überfälligen Liberalisierung zu begrüßen. Mögen andere Bedenken äußern gegen einen forcierten Innovationsdruck, der mit dem Identifikationsfaktor „jenes zwar nicht meßbare, aber unterschätzbarste Kapital eines jeden Fußballclubs“ schwächt (John 2002: 59f.). Schon weil dieser Identifikationsfaktor bisher selbst durch die männerbündisch-homophobe Fußballkultur konstituiert wurde, welche es ja gerade zu überwinden gälte. Wer einen „eisenharten Verteidiger“ als Coming-out-Kandidaten heraufbeschwört, der als „Inbegriff des Anti-Tuntenhaften und Heterosexuellen“ noch einmal durch Übererfüllung männerbündischer Tugenden öffentliche Anerkennung erlangen soll, setzt in dieser Logik auf ein muskulöses, aber in die Jahre gekommenes Pferd (Lück/Schäfer 2004: 56).

Gleichwohl sollte ein verbessertes Coming-out-Klima dank Modernisierung nicht zu Blindheit gegenüber deren Schattenseiten führen. Denn auch wer nicht in die Klage über eine Entertainisierung und den Ausverkauf des guten alten Fußballs einstimmen will, muss deswegen nicht die Modernisierung gleich rundum als Gewinn verbuchen. So spiegeln die Relativierung der Männerbündelei durch systemische Vernetzung sowie die neuen Anforderungen an Flexibilität und kommunikative Intelligenz so offenkundig den neoliberalen Umbau der Arbeitsgesellschaft wider, dass die ideologische Funktion des Fußballs für die Gesellschaft einer aktualisierten Kritik bedarf. Verkörperte ein Fußballspieler in Zeiten der Industriegesellschaft die Tugenden eines guten Proletariers/braven Arbeiters, wenn er – seinem Verein treu ergeben – diszipliniert trainierte und aufopferungsvoll kämpfte, so trifft die fußballbegeisterte Jugend nun auf andere Vorbilder: Profis, die sich computerisiert miteinander verschalten und dabei so flexibel und motivationstrainiert sind, dass ihnen keine Stelle – pardon: keine Position unzumutbar ist. Und die gleichzeitig wohlgestylt und freundlich aus dem Fernseher lächelnd dazu auffordern, den Massenkonsum nicht zu vernachlässigen. Dass die Spieler dabei neue Handlungsräume gewinnen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie über die Spielregeln von Vermarktung und Verpoppung ebenso wenig verfügen wie über die des Männerbundes. Das heißt aber auch, dass niemand gezielt eine Beckhamania auslösen könnte, um sich öffentlich aufzuwerten und dadurch etwa ein Coming-out mit hohen Sympathiewerten abzufedern.

Vielleicht wäre es hilfreich, nicht nur die Traditionen des Fußballs, sondern auch die der schwulen Praxis zu überdenken und das Coming-out nicht von vornherein als goldenen und alternativlosen Weg individueller Emanzipation vorauszusetzen. Das Paradigma von out and proud stabilisiert oft genug das alte Entweder-Oder von Hetero- und Homosexualität, das mit Beckham doch auch im Fußball leicht irritiert worden ist.(7) Statt Spekulationen über den großen (oder vielleicht auch kleinen, unauffälligen) Unbekannten anzustellen, ließe sich fragen, ob nicht der Abbau des männerbündischen Gefühlskitts eine neue Form der Solidarität ermöglicht, in der Kollektivität nicht gegen Individualität ausgespielt wird; ein Freundschaftsfaktor, der dann im Gegensatz zum alten Homogenitätsdenken zugunsten von Differenzen aktivierbar wäre. Eine solche, bisher wohl nur in Teilen der Fankultur beheimatete Solidarität wäre die Bedingung dafür, dass Entscheidungen über Lebensweise und öffentliche Selbstinszenierung tatsächlich „jedem selbst überlassen“ wären, ohne dass auch eventuell unliebsame Konsequenzen schlicht ihm überlassen blieben. Und vielleicht würde dieser neue Freundschaftsfaktor ja auch die Möglichkeit dafür darstellen, guten und sehenswerten Fußball jenseits solcher Entscheidungen zu spielen.


1 Der Verhaltensforscher Desmond Morris (Morris 1981: 130f.) spricht vom „Freundschaftsfaktor“: „Spieler geben den Ball häufiger an Mannschaftskameraden weiter, mit denen sie eng befreundet sind, als an solche, denen sie schwache oder negative Empfindungen entgegenbringen.“ Nach ungarischen Forschungen sei ein Team in dem Maße erfolgreicher, wie die Spieler in Freundschaftsbeziehungen eingebunden sind.

2 Wie Brändle/Koller schreiben, herrscht oftmals wie beim Militär die Auffassung vor, „die Anwesenheit von Frauen sei der Kampfkraft abträglich“ (Brändle/Koller 2002: 210f.).

3 Vgl. Mark Simpsons süffisanten Kommentar (Simpson 1994: 31): „Within the sacred walls of the football ground, men can kiss and hug and blub over one another in a way which would, outside those walls, require a minimum of ten pints – because, naturally, it’s the game they all love, not one another.“

4 Eine ähnliche Erklärung findet sich in einem Nachruf auf Justin Fashanu, der als schwarzer Nachwuchsspieler zu Beginn der 80er in England Furore machte, als Besucher schwuler Klubs bei seinem Verein denunziert, aber schnell aus dem Tritt geriet, sich 1990 als bisher einziger Fußballprofi in der „Sun“ outete und acht Jahre später unter ungeklärten Umständen Selbstmord beging: „Soccer, more than most sports, depends on teamwork. A goal is never one player’s achievement: it’s the result of careful and prolonged team interaction. Soccer culture reflects the game. Managers and players eschew individual personality in favour of team identity. Soccer fans follow teams, not individuals. Fashanu – gay and charismatic – didn’t fit into the culture.“ (Todd 1998)

5 Vgl. Lück/Schäfer 2004 mit Fotos von Simone Scardovelli

6 Eher ein deutsches denn ein fußballerisches Strukturproblem macht Sascha Berlinskij (2001) im schwulen Internetmagazin „etuxx“ aus: „Deutsche Sportler sind überhaupt häufig unsexy – das ist bezeichnend und durchaus als Vorwurf gemeint: die Sekundärtugenden haben Spuren in ihren Physiognomien hinterlassen.“

7 Cristina Nord (2004) schreibt in der „taz“: „Möglicherweise unterstützen das Bekenntnis und die anschließende Schlagzeile in der Bild die Vorstellung einer zweigeschlechtlichen auf Heterosexualität gründenden Welt viel stärker als ein uneindeutiges, frivoles Verhalten. Möglicherweise bedeutet die Festlegung auf eine Identität nicht Freiheit, sondern Zwang“ – oder, so wäre zu ergänzen, beides.

Literatur

Berlinskij, Sascha: Ist Sport sexy? In: etuxx 1.4 (Aug./Sept. 2001) http://www.etuxx.com/diskussionen/foo059.php3 (Download 19.4.2005).

Bödeker, Uwe: Schwule Profis: Warum sich keiner outet. Der Kino-Film „Männer wie wir“ sorgt für Aufsehen in der Fußball-Branche. In: Express v. 7.10.2004 Brändle, Fabian; Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002.

Dembowski, Gerd: Von Schwabenschwuchteln und nackten Schalkern. Schwulenfeindlichkeit im Fußballmilieu. In: Ders.; Jürgen Scheidle (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002, 140–146.

Eichler, Christian. Lexikon der Fußballmythen. München 2004.

John, Johannes: Kleiderordnungen. Feldstudien. In: Matías Martínez (Hg.): Warum Fußball? Kulturwissenschaftliche Beschreibungen eines Sports. Bielefeld 2002, 51–70.

Nord, Cristina: Sprichst du nur den Zaubersatz. In: taz Nr. 7528, 1.12.2004: 15.

Lück, Oliver; Schäfer, Rainer: Warten auf das Coming-out. Homosexualität im Fußball. In: RUND 1/2004, 51–56.

Morris, Desmond: Das Spiel. Faszination und Ritual des Fußballs. München/Zürich 1981.

Selmer, Nicole: Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans. Kassel 2004.

Simpson, Mark: Away with the Lads (1994): Football. In: It’s a Queer World. Deviant Adventures in Pop Culture. New York/London 1999, 29–33.

Tamsin, Todd: The sad death of a soccer maverick. The tortured life of Britain’s first openly gay soccer star ends in tragedy. In: Salon v. 5.6.1998

Theweleit, Klaus. Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell. Köln: KiWi, 2004.

 
nach oben
zurück Zur druckfreundlichen Version wechseln weiter