Renate Vodnek

Männerwelt Fußball?
Eine psychologische Untersuchung zum österreichischen Frauenfußball


Fußball und Familie vereinen. Aus:
Frankfurt am Ball. Eintracht und FSV –
100 Jahre Fußballgeschichte. Frankfurt:
Nest Verlag, 1999, 168
Meine Diplomarbeit, deren Ergebnisse ich im Folgenden vorstellen werden, ist eine von drei Arbeiten zum übergeordneten Thema „Fußballsport im Lebenszusammenhang von Frauen“, die sich unter dem Titel „Männerwelt Fußball. Eine psychologische Untersuchung zum österreichischen Frauenfußball“ mit dem österreichischen Frauenfußball und der Ursache seines geringen Stellenwerts befassen. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Themenbereiche – Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder, Körper (Barwitzius 2003), Alltag und Lebensplanung, Biographie (Hassan Kani, noch nicht fertig gestellt) sowie die Schwerpunkte meiner Arbeit: die sozialen Beziehungen der Fußballerinnen und ihre Einschätzungen der Lage des Frauenfußballs in Österreich. Meine beiden Kolleginnen und ich haben im Frühjahr und Herbst 2000 qualitative Interviews mit 52 Fußballerinnen der obersten drei österreichischen Ligen durchgeführt. Die Frauen waren mindestens 16 Jahre alt und spielten seit mindestens einem Jahr Fußball. Unser Ziel war es, aufzuzeigen, mit welchen Problemen die Fußballerinnen in Österreich zu kämpfen haben, was die Ursachen für die schlechte Lage des Frauenfußballs sein könnten und welche Veränderungs- und Emanzipierungsmöglichkeiten vorhanden sind bzw. hergestellt werden müssten. Es war uns wichtig herauszufinden, wie die Frauen selbst ihre Lage und ihre Selbstbestimmungsmöglichkeiten einschätzen und wie sich diese auf ihre Lebenswelten auswirken. Interessant war auch, welche Punkte erst durch genaues Nachfragen oder nur indirekt oder gar nicht angesprochen wurden. Wie erleben die Frauen das „Sich-Bewegen“ zwischen zwei Welten, wo entstehen Konflikte?

Bevor ich auf die Ergebnisse meiner Untersuchung eingehe, zunächst einige Erläuterungen zur Lage des Frauenfußballs in Österreich, die noch immer sehr trist aussieht. Viele Vorurteile gegen Frauensport und Frauenfußball wirken bis heute weiter, wie z. B. die traditionellen Rollenstereotype. Noch immer wird der Mann als aktiv, aggressiv, stark, kreativ und risikofreudig gesehen und die Frau als passiv, schwach und schutzbedürftig. Noch immer äußern viele Menschen die Ansicht, dass Fußball ein Männersport sei und Frauen darin nichts verloren hätten – ein Vorurteil, das auch von wissenschaftlichen Studien wie dieser aus dem Jahre 1953 gefestigt wurde:

„Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen, […]. Das Treten ist wohl spezifisch männlich; ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls in das Nichttreten weiblich!“ (Buytendijk zit. nach Vodnek 2003: 38)

Die von uns interviewte Spielerin Monika bringt diese negative Meinung über Frauenfußball auf den Punkt:

„Ja eigentlich immer noch gleich wie vor zwanzig Jahr, (…) Frauen dürfen eigentlich alles tun, aber nur nicht Fußball spielen, (…) die Argumente sind vor zwanzig Jahr die gleichen gewesen wie jetzt, (…) die Frauen sollen hintern Herd und (…) Frauen können das nicht“. (Vodnek 2003: 101)

Die erste Meisterinnenschaft fand 1973 statt, die Damenliga wurde allerdings erst 1982/83 vom Österreichischen Fußball-Bund (ÖFB) anerkannt. Davor lehnte dieser den Frauenfußball als gesundheitsschädliche und unästhetische Modelaune ab. Es wurden – wie in Deutschland – weder Übungsplätze verliehen, noch durften Schiedsrichter bei Frauenspielen pfeifen. Erst 1986 wurde die erste Frauen-Bundesliga gegründet, das österreichische Nationalteam erst 1990. Auch innerhalb der Strukturen des österreichischen Frauenfußballs sind selten Frauen anzutreffen: Die meisten TrainerInnen sind Männer, es gibt einen ÖFB-Frauenreferenten, und es gab 2002 eine einzige Schiedsrichterin, die international pfeifen durfte. Im österreichischen Frauenfußball gibt es die Bundesliga mit 10 Vereinen und eine 2. Division Ost, Mitte und Süd mit zwischen 6 und 10 Vereinen sowie die Landesliga. Seit 1992 gibt es zudem den Cup-Bewerb, dessen Finale seit 2001 als Vorspiel vor dem Männercupfinale stattfindet. Zur Zeit gibt es innerhalb der Frauenfußball-Bundesligen und den Landesligen 70 Vereine. Seit einigen Jahren wird auch eine Bundesländermeisterinnenschaft mit den neun Länderauswahlen gespielt, in zwei der neun Bundesländer gibt es eigene Mädchenmeisterinnenschaften und in vier Bundesländern ein Unter-16-Team. 1999 wurde das österreichische U18-Team gegründet. Die Nationalteams spielen bei den B-Qualifikationen für die internationalen Turniere, d. h. um einen Aufstieg und damit die Möglichkeit sich für die übernächsten Turniere direkt zu qualifizieren. In den letzten Jahren gibt es einen Aufwärtstrend, das A-Team und das U19-Team haben sich für die 2. Qualifikationsrunde qualifiziert.

Frauenfußball durfte bis vor kurzem nur in schon bestehenden (Männer-)Fußballvereinen betrieben werden (obwohl in letzter Zeit stillschweigend auch eigene Frauenfußballteams zugelassen wurden), wodurch die Frauenfußballvereine unter Kontrolle der jeweiligen Männervereine stehen und von diesen (und deren Trainingsplätzen etc.) abhängig sind. Es gibt auch kaum Vereine, die eigene Mädchenteams haben, und nur wenige Klubs der obersten zwei Männerfußballligen, die ein eigenes Frauenteam haben bzw. unterstützen.

Der Frauenfußball leidet zudem unter finanziellen Schwierigkeiten: 2001 hatte die Meisterin USC Landhaus ziemliche Probleme, beim UEFA (Women´s) Cup teilnehmen zu können, da die ÖFB-Pauschale für diesen Bewerb nicht für die Flugtickets ausgereicht hatte. Aus diesem Grund erschien in einer österreichischen Tageszeitung ein Spendenaufruf. Zusätzlich müssen viele Spielerinnen Mitgliedsbeiträge zahlen, die Vereine haben Probleme, Trikots, Fahrtspesen und ähnliches zu erhalten. Für den Frauenfußballcup gibt es einen ÖFB-Topf für alle teilnehmenden Vereine, der 1999 ca. 11.000 Euro betragen hat.

Auch die Medienberichterstattung in Österreich lässt zu wünschen übrig: Bei internationalen Spielen des Frauennationalteams gibt es meist nur zweizeilige Erwähnungen in den Tageszeitungen, von Bundesligaspielen existieren meist nur kurze Berichte. Es hat meines Wissens nach auch noch keine einzige Übertragung eines österreichischen Frauenfußballspiels gegeben, nicht einmal beim ÖFB-Cup, bei dem die Frauen das „Vorspiel“ der Männer sind – da war etwa im Jahr 2001 die stundenlange Liveübertragung der Formel 1 wichtiger.

So weit ein kurzer Überblick zur Lage des österreichischen Frauenfußballs, der unbekannt und unterrepräsentiert ist, obwohl es relativ viele Frauenfußballvereine (die meisten jedoch in den unteren Klassen) gibt. Ich möchte nun auf die Ergebnisse unserer Untersuchung eingehen.

Soziale Beziehungen

Sport wirkt sich auf soziale Beziehungen auf zweifache Weise aus: Auf der einen Seite beeinflusst dieser bisherige FreundInnenschaften, auf der anderen Seite ist es aber auch im Frauenfußball durchaus möglich, neue soziale Beziehungen aufzubauen und zu vertiefen. Viele Leistungssportlerinnen haben Schwierigkeit, FreundInnenschaften und Sport zu vereinbaren, wobei die fehlende frei verfügbare Zeit bzw. die unterschiedliche Prioritätensetzung ein großes Problem darstellt. Die anderen Fußballerinnen beschreiben viele als Freundinnen, Kolleginnen oder Kameradinnen, wobei die meisten von einer freundschaftlichen Beziehung sprechen. Aus diesem Grund wird auch ein gutes Klima im Frauenteam von den meisten als wichtig eingeschätzt, sonst würden viele Frauen nicht mehr Fußball spielen, da es ihnen dann keinen Spaß mehr machen würde.

Bei fast 30 % der Fußballerinnen sind die Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, kaum oder nicht an ihren sportlichen Aktivitäten beteiligt. Viele Frauen sind zufrieden, wenn es die Angehörigen und FreundInnen zumindest nicht stört, dass sie Fußball spielen. Wirkliches Interesse am Frauenfußball gibt es bei wenigen Leuten, das zeigt sich auch daran, dass außer der Familie und Bekannten nur wenige Menschen zu den Frauenfußballspielen gehen. Auch bei Ulla ist die Familie eher weniger an den sportlichen Aktivitäten beteiligt, „die würde eher mehr gerne sehen, dass ich aufhöre, dass ich mehr Zeit für die Familie hab, aber sie akzeptieren’s“. (Vodnek 2003: 102) Es gibt also sogar im engeren Umkreis der Fußballerinnen von vielen Menschen keine wirkliche Anerkennung. Diese ist jedoch ein menschliches Bedürfnis und wichtig für Selbstbestätigung und Selbstbewusstsein. Aus diesem Grund ist es bedeutend, dass es zumindest ein paar Bezugspersonen gibt, die den Fußballerinnen dieses Gefühl vermitteln. Es sprechen auch einige Frauen davon, dass sie ihre Freundinnen mehr im Verein haben und diese Beziehungen enger sind. Für Brigitte sind die Schulfreundinnen anders,

„die behandelt man ganz anders, die sind so richtige Mädchen und da ist das so, da ist jeder eher so bubenhaft. Das ist angenehmer. (…) Vor allem man redet mit den Leuten hier viel mehr, also viel leichter als mit denen in der Klasse, weil mit denen weiß man nicht, was man reden soll.“ (Vodnek 2003: 104)

Das deutet darauf hin, dass die Teamkolleginnen die fehlende soziale Unterstützung geben können, dass sich die Fußballerinnen durch „Social Support“ gegenseitig unterstützen und so ein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein aufbauen können. Das hilft gerade im (als „männliche“ Sportart angesehenen) Fußball auch über negative Erfahrungen und über die Außenseiterinnenrolle hinweg. Sie leben in zwei sich teilweise widersprechenden Welten, in der Sportwelt und in der Welt außerhalb des Sports: In der einen wird durch die Zuweisung angeblicher „männlicher“ Eigenschaften wie Härte, Durchsetzungskraft oder Leistung ihre Geschlechtlichkeit geleugnet. In der anderen Welt zählen gerade die als „weiblich“ erachteten Attribute angesehenen Werte wie Schönheit, Anmut und Würde. Für einige Fußballerinnen ist das wahre Leben der Fußball, in dem sie ein anderer Mensch sind. Dies ist sozusagen ihre Realität und das Leben außerhalb des Fußballs nur ein Schein, den sie aufgebaut haben, um nicht aufzufallen bzw. sich nicht zu viele negative Meinungen anhören zu müssen. Sie flüchten sich in den Fußball, wo sie der Mensch sein dürfen, der sie sein wollen. In diesem Exil treffen sie auf Gleichgesinnte, gleichzeitig versuchen sie auch andere Leute zu überzeugen, ihre Meinung und Einstellung zum Frauenfußball ändern und diese damit ins Exil miteinbeziehen, damit ihre Realität einmal mit der gesellschaftlichen Realität übereinstimmt und sie auch außerhalb des Fußballs „sie selbst“ sein können.

Verunsicherung

Aus den Interviews spricht eine große Verunsicherung. Die meisten Frauen versuchen den Verein bzw. die Männer nicht schlecht darzustellen, indem sie ihre Aussagen relativieren oder vorsichtig formulieren. Außerdem stellen sie viele im Männerfußball selbstverständliche Bedingungen als positiv dar, wenn es sie für die Frauen auch gibt, seien es jetzt Trikots, Reisekostenerstattungen oder Punkteprämien. Dies deutet auf einen Loyalitätskonflikt hin, weil sich viele im Teamsport Fußball mit dem Verein identifizieren und Kritik am Verein als negativ betrachtet wird. Daniela schildert den Stellenwert des Frauenteams im Verein folgendermaßen:

„Vom Funktionärswesen, Präsidenten und so, sicher einen untergeordneten Stellenwert, obwohl man uns immer versucht das Gefühl zu geben, dass wir sehr viel wert sind, also das versucht man immer wieder und auch der Präsident, immer wenn man mit ihm redet, dann ist er immer sehr, sehr positiv, hoch motiviert, also höchst motiviert, ah und doch irgendwie fühlen wir uns in den Schatten gestellt. Das fängt an bei … also bei … Utensilien, Trainingsutensilien, wie zum Beispiel, nein, die Bälle darf ich jetzt nicht sagen, die Bälle haben wir jetzt bekommen, aber zum Beispiel – also Leiberl darf ich jetzt auch nicht sagen, denn die haben wir jetzt auch bekommen – so Staberl oder ist ja egal, manche Sachen haben die Männer, die wir nicht haben. (…) Ja, das sind jetzt so kleine Sachen, wir haben uns immer die Busfahrten selber zahlen müssen, aus der eigenen Tasche, jeder. Oder die Übernachtung.“ (Vodnek 2003: 112)

Sogar wenn der Trainer die Spielerinnen demütigt, versuchen sie ihn teilweise positiv darzustellen. Kathie schätzt ihren Trainer folgendermaßen ein:

„Ja, wir haben einen Trainer. Ja, er ist ein sehr guter Mensch auf jeden Fall. … Ich muss sagen, er ist ein super Mensch, muss ich sagen, er bemüht sich irrsinnig mit uns. Also wir haben ihn jetzt schon seit 10 Jahren. Nur er begreift nicht, dass es Veränderungen gibt, und er bleibt stur auf seinem System hängen, und das ist das Problem. Er lässt auch keine Meinung von anderen zu, er ist sehr stur, kritisiert einen die ganze Zeit beim Match, was sehr störend ist. … Das ist … was mich halt ziemlich oft trifft, muss ich sagen. Von mir aus kann man mich sensibel nennen, aber das macht mich eigentlich fertig, da bekomme ich schon oft einen ordentlichen Grant.“ (Die Spielerin war sichtlich frustriert nach dieser Frage und hatte Tränen in den Augen) (Vodnek 2003: 109)

Viele Frauen sind zufrieden, wenn die Situation im Verein halbwegs zufrieden stellend ist, es könnte schließlich ärger sein. Auf die Frage nach der Stellung des Frauenteams beginnen viele Frauen mit einem relativierenden „naja“, „ähm“ und ähnlichen Worthülsen, bevor die eigentliche Antwort kommt. Daraus spricht eine große Verunsicherung über sich selbst, ihre Lage und die Forderungen, die sie stellen dürfen. Diese Verunsicherung hat sicherlich mehrere Ursachen. Sie bewegen sich als Fußballerinnen zwischen zwei unterschiedlichen Welten – in der einen müssen sie ihre „weiblichen“ Eigenschaften zur Geltung bringen, und in der anderen sind diese eher hinderlich. Es treten Konflikte zwischen der Identität als Frau und der als Sportlerin, zwischen der Frauenrolle und den Anforderungen des Fußballs auf. Es ist dabei vielen unklar, welche Welt nun der Realität entspricht und in welcher sie „sie selbst“ sind.

Ökonomische, soziale und politische (patriarchale) Verhältnisse beeinflussen das Geschlechterverhältnis und damit auch die Machtbalance, die trotz verschiedener Veränderungen seit dem 18. Jahrhundert bis heute prinzipiell gleich geblieben ist. Die Geschlechtsrollenausprägung ist der Ausgangspunkt für die herrschende Arbeitsteilung, durch die unterschiedliche Lebensbedingungen und Verhaltensweisen entstehen. Auch die Rollenbilder im Sport und die Sportorganisationen sind beide unter der Dominanz von Männern entstanden (vgl. Pfister 1983). In den Fußballvereinen und am Fußballplatz selbst sind noch immer Männer dominierend, und Fußball zu spielen ist Teil der „männlichen“ Sozialisation. Durch das Eindringen der Frauen droht der Verlust einer wichtigen Identifikationsbasis der Männer, weshalb die „Eindringlinge“ auch so eine große und scharfe Ablehnung erfahren.

Dies wird auch von den Zusehern durch deren Verhalten und Parolen gespiegelt, und diese beteiligen sich damit aktiv an dem Ausschluss von Frauen. Viele Spielerinnen sehen als einzige Möglichkeit, bei diesen Sprüchen und der häufig vorkommenden sexuellen Diskriminierung wegzuhören und diese zu verdrängen. Nur einige versuchen dagegen aktiv anzugehen, indem sie ihrerseits auf die Zuschauer schimpfen. Während bei den Männerfußballspielen die ZuseherInnen zumindest bei Heimspielen eine positive Rolle für das Selbstvertrauen der Fußballer spielen, ist dies bei den Frauen in Österreich oft nicht gegeben. Es kommen selten mehr als zwanzig, dreißig Leute, von denen ziemlich viele Angehörige und FreundInnen der Spielerinnen sind. Bei einer kleineren Kulisse hören die Fußballerinnen sicher jede Meldung eher als bei Tausenden von ZuschauerInnen.

Viele Fußballerinnen sehen sich oft auch selbst als Eindringlinge in die Männerwelt Fußball, nehmen deshalb oft eine defensive Haltung an und trauen sich meist nicht, (zu große) Forderungen an die (von Männern dominierten) übergeordneten Organisationen zu stellen. Es wird von den meisten nicht wirklich erwartet, dass der Frauenfußball und die Spielerinnen gefördert und unterstützt werden, vielen Frauen würde es schon reichen, wenn sie zumindest akzeptiert oder einfach nur in Ruhe gelassen werden. All das zeigt den starken Einfluss der „männlichen“ Fußballstrukturen, durch die der Frauenfußball „an sich“ nicht existieren kann, sondern immer nur in Abhängigkeit. Durch diese Abhängigkeit kann der Bereich des Fußballs noch als „männliches“ Territorium geschützt werden, da ohne die Erlaubnis und die Unterstützung der Männer nichts passieren kann und darf.

Es muss also für die Frauen in Österreich eine Reihe von Gründen geben, wieso sie dennoch Fußball spielen. Die Fußballerinnen geben an, dass der Spaß ein wichtiges Motiv für sie ist. Wichtig dafür ist auch der Zusammenhalt innerhalb des Teams bzw. innerhalb der Gemeinschaft der Fußballerinnen. Einige Spielerinnen ziehen sich in ihren Verein zurück und interessieren sich weniger für die allgemeine Lage des österreichischen Frauenfußballs. Damit schaffen sie es, viele negative Seiten des Daseins als Fußballerinnen an sich abprallen zu lassen, zu verdrängen und sich damit nicht beschäftigen zu müssen. Sie müssen sich daher auch keine Rechtfertigung überlegen, wieso sie noch weiterhin Fußball spielen. Manche Fußballerinnen wiederum versuchen durch Eigeninitiative richtige Strukturen zu schaffen und die Situation des Frauenfußballs in Österreich zu verbessern. Das ist aber ein teilweise frustrierendes Unterfangen, da es ab einem gewissen Punkt festgelaufen scheint und sie sich deshalb die Frage stellen, ob es überhaupt einen Sinn macht.

Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass durch Fußballspielen der Erwerb sozialer Kompetenzen ermöglicht wird. Dieses Erlernen von Kompetenzen, das außerhalb des Fußballsports nicht oder nicht so stark möglich wäre, wird von den Spielerinnen als Bereicherung ihres Lebens erlebt. Das Fußballspielen ermöglicht vielen Frauen auch, Grenzen zu überschreiten, die sie in ihrer sonstigen Lebensrealität nicht überschreiten können. Dadurch erleben sie eine Freiheit oder einen Freiraum, innerhalb dessen sie das machen können, was sie schon immer machen wollten. Sie dürfen sich entgegen der traditionellen weiblichen Stereotype verhalten und z. B. die als „männlich“ definierten Ideale wie Selbstbewusstsein, Mut oder Stärke zeigen.

Die Fußballerinnen haben also unterschiedliche Strategien entwickelt, mit den negativen Seiten umzugehen. Die auftretenden Widersprüche und Ambivalenzen werden jedoch von den meisten nicht bewusst gesehen.

Fußball als Männersport

Fast alle Frauen sprechen von sich als „Stürmer“ oder „Mannschaft“. Indirekt spricht daraus, dass sie sich selbst als Frauen in „Männerpositionen“ sehen und damit keine Frauen mehr sondern sozusagen geschlechtsneutral sind. Dazu passt ebenfalls, dass es vielen Frauen darum geht, so wie Männer Fußball zu spielen, sie also versuchen, den Männerfußball den Frauen überzustülpen. Der Frauenfußball ist damit im Männerfußball gefangen, dies entspricht der derzeitigen Lage in Österreich, in der die Männer in den Fußballorganisationen bestimmen, wie der Frauenfußball aussieht. Charakteristisch dafür ist ein Zitat des österreichischen Sportreporters Robert Seeger:

„Ich möchte in aller Zukunft, solange ich mir Sportberichterstattung anschaue, keine Frau hören, die ein Fußballmatch mir übertragt. Warum? Nein, nein, nein! Nein, nein! Warum nicht? Nein, nein! Weil sie, für mich, an das anders rangeht, eine eine eine … Warum gibt´s denn das noch nicht. Glauben Sie mir bitte … in der heutigen Zeit hätte man das schon längst wo gemacht. Alle Versuchen sind gescheitert mit Frauen, im deutschsprachigen Raum, kläglich.“ (Bachmann 1998: 424)

Das Problem der patriarchalen Unterdrückung sprechen nur wenige Frauen dezidiert an, bei vielen kommt dieser Themenkomplex aber indirekt im Interview vor. Im Leistungssport Fußball überwiegen als „männlich“ angesehene Eigenschaften wie Mut, Härte und Durchsetzungskraft sowie „männliche“ Orientierungsmuster wie Überbietung und Leistung, es besteht also eine „männliche“ Definitionsmacht. Ein Drittel der befragten Fußballerinnen hat lieber einen Trainer, und nur fünf Frauen wollen eine Trainerin. Auch Brigitte ist ein Trainer lieber:

„Irgendwie ein Trainer, weil ein Trainer ist in meinen Augen härter. Härter vielleicht, weil es ein anderes Geschlecht ist. Er schreit einfach mehr und die Stimme und so … und bei einer Trainerin, wenn die dann so anfängt zu piepsen, dann is das auch nichts … ich weiß nicht. Und die Männer sind schon ziemlich härter in meinen Augen, das ist bei jedem Trainer. Wenn er nur schreit oder viel schreit, wegen jedem Blödsinn, das ist auch blöd, aber ich glaube ein bisschen Härte gehört schon dazu.“ (Vodnek 2003: 110)

Die meisten Befragten, die lieber einen Trainer hätten, haben noch keine Erfahrung mit Trainerinnen gemacht, vielen, die schon eine Trainerin gehabt haben, ist es egal, und manche von ihnen hätten lieber eine Trainerin. Als Gründe dafür werden genannt, dass sich Trainerinnen besser in die Fußballerinnen hineinversetzen können, dass diese nicht die Vorurteile der Männer haben bzw. dass die Existenz von Trainerinnen im Fußball wichtig ist. Das Vorurteil, dass Männer besser trainieren können, löst sich anscheinend zumindest teilweise auf, wenn Erfahrungswerte mit Trainerinnen gewonnen wurden. Es stellt sich für mich die Frage, ob dann auch Frauen „männliche“ Attribute wie Härte und Durchsetzungskraft zuerkannt werden oder ob positive Erfahrungen mit anderen, „weicheren“ Trainingsmethoden und Umgangsweisen gesammelt werden. Nach den genannten Gründen für die Bevorzugung einer Trainerin zu urteilen, trifft eher der zweite Punkt zu. Ich vermute, dass sich nur wenige bewusst für andere Trainingsmethoden und damit für einen anderen Fußball entscheiden, womit es für mich nachvollziehbar ist, dass sich nur fünf Frauen dezidiert für eine Frau als Trainerin einsetzen.

Gesellschaft

Viele Spielerinnen stehen einer Verbesserung der Lage in Österreich skeptisch gegenüber: Zwei Drittel glauben, dass der Frauenfußball entweder erst in einiger Zeit oder überhaupt nie genauso viele ZuseherInnen haben wird wie der Männerfußball. Viele Spielerinnen glauben, dass mehr Medienpräsenz, Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung durch den ÖFB die Popularität des Frauenfußballs stärken könnte. Auch hier zeigt sich die Bescheidenheit der Befragten: Nach Ansicht vieler Frauen wäre es zunächst einmal wünschenswert, dass die Leute wissen, dass es den Frauenfußball überhaupt gibt. Sahra allerdings spricht davon, dass Frauen mehr aus sich herausgehen müssen und anfangen müssten, Fußball zu spielen und sich nicht von den Männern unterdrücken lassen. Für sie muss also nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen angesetzt werden, indem diese selbstbewusster werden und dieses Selbstbewusstsein auch nach außen tragen.

Die Lage in Österreich sehen fast alle Fußballerinnen negativ, es werden jedoch selten gesamtgesellschaftliche Probleme angesprochen. Die Verbindung zur Außenwelt sind für die meisten die ZuseherInnen und die Medien, einige gehen auch auf gesellschaftliche Rollenbilder und Vorurteile ein. Es stellt sich für mich die Frage, wieso gesamtgesellschaftliche Konstellationen in den Interviews de facto nicht vorkommen. Existiert für die Fußballerinnen der Frauenfußball quasi frei schwebend ohne Verbindungspunkte zu gesellschaftlichen Machtkonstellationen? Dafür würde sprechen, dass die Antworten der Frauen sich innerhalb eines Ausschnittes der Lebenswelt bewegen und diese oft auch vom Frauenfußball als einer anderen „Welt“ sprechen. In dieser „Welt“ sind Dinge erlaubt, die normalerweise nicht gern gesehen werden oder sogar unerwünscht sind.

Marie spricht davon, dass viele Frauen dem Fußball skeptisch gegenüberstehen,

„weil da tut man sich weh und das ist so hart und man ist dann ein bisschen schmutzig, wenn man am Boden fallt und, und so, so, es ist ein bisschen eine andere Welt auch, wenig Verständnis von beiden Seiten, ich versteh da nicht, was sie so toll finden an ein, ein, an ihrer Aerobic und so.“ (Interview mit Marie, nicht veröffentlicht)

Von vielen Befragten wird ein übertriebenes „weibliches“ Gehabe und das dazugehörende eingeschränkte Interessensspektrum abgelehnt (vgl. die Diplomarbeit von Gabriele Hassan Kani, die leider noch nicht fertig gestellt ist.)

Die gesellschaftlichen Themenstellungen könnten aber auch außerhalb des Erfahrungshorizonts der Spielerinnen liegen und für sie als unveränderlich und vor allem als (von ihnen) unveränderbar erscheinen. Innerhalb gewisser Grenzen dürfen Erfahrungen gesammelt werden und andere Identitätsentwürfe und Lebensweisen gelebt werden, aber darüber hinaus werden diese durch die herrschenden Machtverhältnisse erschwert oder verhindert. Das zeigt sich darin, dass viele Frauen sehr wohl Vorurteile und gesellschaftliche Rollenbilder thematisieren, die meisten jedoch innerhalb des Systems Frauenfußball bleiben, indem sie auf eine Verbesserung der Medienberichterstattung, des ÖFB und ähnlichem und damit auf eine Verbesserung des Status quo hoffen. Gleichzeitig wird aber nicht wirklich eine Änderung der Situation erwartet, einige sprechen sogar diese Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit an, für Silvia ist die Situation des österreichischen Frauenfußballs „nur so ein Dasein“ (Vodnek 2003: 115).

Von einigen Frauen werden die Aspekte Emanzipation und Empowerment in den Interviews angesprochen, sie erwerben durch und im Frauenfußball Kompetenzen, die sie im normalen Leben (außerhalb des Fußball) nicht oder schwer erwerben könnten. Insofern glaube ich, dass bis zu einem gewissen Grad eine Emanzipation der Frauen im Fußball möglich ist und Frauenfußball als Möglichkeit, öffentliche Räume für Frauen zu gewinnen, genützt werden kann. Was dabei aber nicht vergessen werden darf, ist, dass eine vollständige Emanzipation auch durch und im Frauenfußball unter diesen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht möglich ist. Eine Stärkung des Selbstbewusstseins von Frauen in eigenen Frauenräumen und der gemeinsame Kampf aller Menschen um eine veränderte Gesellschaft muss Hand in Hand gehen. Dieser Kampf wird aber auf Widerstand derjenigen stoßen, die von den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen profitieren. Längerfristig gesehen geht es darum, unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen so einzurichten, dass die Bedürfnisse von Frauen und Männern befriedigt werden und niemand mehr fremdbestimmt leben muss.

Die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Für die Spielerinnen sind vorhandene soziale Beziehungen und die Unterstützung durch das soziale Umfeld wichtig.
  • Bei den Frauenfußballerinnen ist eine große Verunsicherung über sich selbst, ihre Lage und die Forderungen, die sie stellen dürfen, vorhanden.
  • Fußball ist ein Männersport – dies wird auch von den Fußballerinnen reproduziert.
  • Die Lage und die Zukunft des österreichischen Frauenfußballs wird von den meisten negativ eingeschätzt.
  • Eine Emanzipation der Frau im und durch den Frauenfußball ist nur bis zu einem gewissen Grad möglich, anschließend stößt sie auf – gesellschaftlich bedingte – Grenzen.

Ich möchte mit einem Satz des Generalsekretärs der FIFA, Josef Blatter, schließen: „Die Zukunft des Fußballs wird weiblich sein. Wir sind sicher, dass im Jahre 2010 der Frauenfußball genauso groß ist wie der Männerfußball“ (zit. nach Leibetseder 1997: 75).

Wir haben dazu noch fünf Jahre Zeit!

Literatur

Bachmann, Andrea: „Wie eine Katze schmiegt sie sich an, an die Hochsprunglatte.“ Geschlechterdifferenz in der Sportberichterstattung. Diss. Wien 1998.

Barwitzius, Christina: Männerwelt Fußball? Eine psychologische Untersuchung zum Thema Frauen im Fußball und ihren Vorstellungen von Weiblichkeit und Körper. DiplA. Wien 2003.

Hassan Kani, Gabriele: Männerwelt Fußball? DiplA. Wien (noch nicht fertig gestellt)

Leibetseder, Maria: Frauenfußball: Eine qualitative Untersuchung der prägenden Einflussfaktoren auf die Wahl dieser Sportart. DiplA. Wien 1997.

Pfister, Gertrud: Geschlechtsspezifische Sozialisation und Koedukation im Sport [=Sportsoziologische Arbeiten Bd. 8] Berlin: Bartels & Wernitz 1983.

Vodnek, Renate: Männerwelt Fußball? Eine psychologische Untersuchung zum Thema Fußballsport im Lebenszusammenhang von Frauen – unter besonderer Berücksichtigung von sozialen Beziehungen und Einschätzungen des Frauenfußballs von den Fußballerinnen. DiplA. Wien 2003.

 
nach oben
zurück Zur druckfreundlichen Version wechseln weiter