Heidi Thaler

WE WANT YOU!
Campaigning against sexism in football?
Der Versuch eines praxisbezogenen Leitfadens

Sport, insbesondere der Fußballsport, nimmt Teil an der Konstruktion von Gesellschaft. Hier werden Praktiken eingeübt, die im gesellschaftlichen Leben von Bedeutung sind, es widerspiegeln und mitgestalten. Somit ist der vorherrschende Entwurf von Fußball als chauvinistisch, sexistisch, rassistisch und homophob hoch problematisch. Die Kraft des Fußballsports, soziale Praxen einzuüben, weist seinen AkteurInnen eine große Verantwortung zu. Hier setzt Kampagnenarbeit an, indem man zunächst nicht der Mär vom bösen, rechtsextremen Fan anhängt, sondern jener Mehrheit von Leuten Platz verschafft, die diesen Sport für demokratische Prozesse öffnen wollen. Ziel ist es, mit diesen „guten Kräften“ zu arbeiten, jene zu mobilisieren, die sensibel gegenüber Themen wie Sexismus und Rassismus sind, um alternative soziale Praxen aufzuzeigen und einzuüben und die vorherrschenden Hegemonien zu verschieben, aufzuweichen, zu brechen. Immer mit dem Ziel, dass die AkteurInnen des Fußballsports selbst aktiv werden.

Dabei ist es essenziell, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Betroffenheit nur dann gegeben ist, wenn man selbst Teil der diskriminierten Gruppe ist. Rassismus betrifft eben nicht nur Schwarze und ethnische Minderheiten. Auch ich als weiße Mitteleuropäerin werde mit Rassismus konfrontiert, wenn neben mir lauthals Affenlaute skandiert werden. Ebenso sind nicht nur Frauen von Sexismus oder homosexuell orientierte Menschen von Homophobie betroffen. Wir alle sind Teil dieser gesellschaftlichen Formation Fußball, wir alle sind verantwortlich. Viele prinzipiell Interessierte meiden Fußballplatz und Stadion, weil sie den De-facto-Ausschluss einer Mehrheit der Gesellschaft durch eine hyper-maskuline Monokultur nicht gutheißen können. Viele unternehmen große Anstrengungen, um gegen diese Diskriminierungen vorzugehen. Es stellt sich also die Frage, wie man diese Kräfte dabei unterstützen kann, sich zu artikulieren, bzw. wie sich deren Kollektivwerdung fördern lässt.

Während dieser Schritt im Bereich der Antirassismusarbeit bereits gesetzt ist, stellt sich immer wieder die Frage, ob der Kampf gegen Sexismus im Fußball mit denselben Mitteln geführt werden kann und soll, wie sie in Antirassismuskampagnen in ganz Europa zum Einsatz kommen. Vergleiche zwischen Rassismus und Sexismus sollen hier nicht gezogen werden. Trotzdem kann der Kampf gegen Rassismus im Fußball, dessen stärkster Arm die europaweite Kampagnenarbeit des FARE-Netzwerkes ist, Ideengeber und Erfahrungslieferant für eine erfolgreiche Antisexismusarbeit im Fußball sein.

Alles Große fußt im Kleinen

1999 gründete sich in Wien das Netzwerk Football Against Racism in Europe (FARE). Ausgangspunkt war eine Tagung zum Thema „Networking Against Racism in European Football“, initiiert vom österreichischen Fußballprojekt FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel, am Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit (vidc). Das FairPlay-Büro in Wien fungiert seither als Koordinationsstelle des Netzwerkes. Diejenigen, die damals den Startschuss gaben, konnten noch nicht ahnen, welche Erfolgsstory FARE in naher Zukunft schreiben würde: die Etablierung eines antirassistischen Netzwerkes, geformt und unterstützt von Fangruppen, Fußballvereinen, nationalen Verbänden, MigrantInnenorganisationen und Antirassismusinitiativen aus mittlerweile 35 europäischen Ländern. Höhepunkt der Kampagnenarbeit ist die europaweite FARE Aktionswoche gegen Rassismus im Fußball, die jedes Jahr im Oktober stattfindet. Mit über 400 Gruppen aus 33 Ländern hat die Aktionswoche 2004 einen neuerlichen Höhepunkt erreicht. Partizipieren kann jeder und jede. Antirassismusprojekte die zudem einen Genderaspekt beinhalten, werden dabei besonders positiv bewertet. (Mehr Informationen unter: www.farenet.org und www.fairplay.or.at) Die Anerkennung und Bekämpfung des Problems Rassismus im Fußball, der sich mittlerweile auch die UEFA als FARE-Partner angeschlossen hat, war nicht immer so selbstverständlich. Die Vorurteile und Argumentationslinien, die die damaligen AkteurInnen in Hinblick auf Rassismus vorfanden, ähneln in vielen Punkten stark jenen, die heute in Bezug auf Sexismus wahrnehmbar sind. Auch sind Ähnlichkeiten in den jeweiligen Ausgangslagen zu erkennen. Um dies zu demonstrieren, möchte ich das Beispiel Österreich und die FairPlay-Kampagne heranziehen.

Österreich 1997

„Die Zeit war damals so, dass Rassismus in der öffentlichen Meinung als Teil des Spiels, der Emotion gesehen wurde. Ein Afrikaner sollte froh sein, dass er in Österreich sein darf und so viel Geld mit Fußballspielen verdienen kann. Rassistische Attacken musste er da eben aushalten können. Ich habe mir gedacht, dass es nicht sein kann, dass man in einem öffentlichen Raum, im Fußball, Rassismus einfach toleriert, und so ist es auch vielen anderen gegangen,“

so beschreibt Kurt Wachter die damalige Situation. Motiviert durch Faninitiativen wie BAFF und Antirassismusprojekte, die im benachbarten Ausland bereits gegen Rassismus aktiv waren, gründet er 1997 FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel. Das Projekt trifft mit seinen Anliegen zunächst auf völlige Ignoranz der Vereine und der nationalen Fußballverantwortlichen. Die FairPlay-MitarbeiterInnen sind es, die Rassismus im österreichischen Fußball überhaupt erst zum Thema machen. Ihr unmissverständlicher Befund: Rassismus im Fußball existiert. Er ist alltäglich. Auf allen Ebenen des Spiels. Geradezu revolutionär mag so manchem auch die Definition von Rassismus erschienen sein, mit der FairPlay aufwartet: Rassismus ist nicht nur, wenn ein Schwarzer auf einer öffentlichen Straße zusammengeschlagen wird. Rassismus ist auch, wenn Fans im Stadion Affenlaute von sich geben, sobald ein schwarzer Spieler den Ball berührt. Die anfängliche Arbeit bestand also primär darin, ein Problembewusstsein zu schaffen, das Problem zu benennen, die mannigfaltigen Erscheinungsformen aufzuzeigen und Allianzen zu finden mit Gruppen, die ähnlich empfanden. Es ging aber auch um einen gewissen Ehrgeiz:

„Bei den ersten Gesprächen 1997 mit den Verbandsverantwortlichen hat man uns gesagt, wenn wir aktive Antirassismusarbeit betreiben würden, würde das Problem nur schlimmer. Wenn wir die Fans nicht in Ruhe lassen und politische Botschaften ins Stadion bringen, provozieren wir erst recht rassistische Aktionen. Bei unseren Stadionaktionen erleben wir allerdings ganz andere Reaktionen. Unmittelbare Konfrontation führt keineswegs zu mehr Rassismus“,

so Kurt Wachter weiter. Neben den alltäglichen Rassismuserfahrungen, trifft FairPlay aber auch immer wieder auf massiven Sexismus. So kennzeichnet der Österreichische Fußball Bund (ÖFB) auf seiner offiziellen Webpage den Frauenfußballbereich über Jahre hinweg mit einem Stöckelschuh und bringt damit eindeutig seine abwertende Einstellung zum Ausdruck. Beim Wiener Amateurverein FAC wird es den weiblichen Mitarbeiterinnen während einer Antirassismusaktion untersagt, sich in der Nähe der Umkleidekabine der Kampfmannschaft aufzuhalten, da dies nach Aussage der Vereinsverantwortlichen Unglück bringe. Aktives Auftreten gegen Rassismus und antisexistische Haltung gehen also bei weitem nicht immer Hand in Hand.

Kernpunkte der Kampagnenarbeit:

Wie sehen nun die grundlegenden Elemente der erfolgreichen Kampagnenarbeit gegen Rassismus aus? Die folgenden Punkte wurden jeweils auch auf ihre Brauchbarkeit und Umsetzbarkeit im Antisexismusbereich hin überprüft und bewertet.

  • Kenntnis und Einsatz der spezifischen kulturellen Codes

Um überhaupt als AkteurIn wahrgenommen zu werden, ist es nötig sich eine gewisse Innensicht des Fußballbusiness zu erarbeiten. Um mit den bestehenden AkteurInnen in Dialog treten zu können, ist Kenntnis, Verwendung und das Sich-Einlassen auf die gebräuchlichen kulturellen Codes unumgänglich.

  • Strukturen erkennen, nutzen und verändern

Das Bestreben, bestehende Strukturen zu verändern bzw. zu beeinflussen, setzt eine intensive Auseinandersetzung und Analyse ebendieser Strukturen voraus. Die elementaren Fragen lauten: Welche Strukturen sind vorhanden? Wie funktionieren sie? Welche Struktur kann man sich in welcher Form und mit welchen Mitteln zunutze machen?

  • Unterstützung von oben (Top-down)

Soll Antisexismus dauerhaft in den Institutionen verankert werden, muss es Zustimmung und Unterstützung von den höchsten Stellen her geben. Ein so genanntes „Top-down“, also eine klare politische Verortung des Verbandes, der unmissverständlich zum Ausdruck bringt: Wir sind gegen Sexismus. Diese Voraussetzung ist Grundlage für weitere Schritte.

  • Zielgruppenarbeit im Feld

Um die relevanten Zielgruppen kontinuierlich erreichen zu können, Fans, FunktionärInnen, SpielerInnen, Fußballinteressierte, ist es unumgänglich ins Feld hinaus zu gehen und diese Gruppen aktiv anzusprechen, also direkt in den Stadien präsent zu sein. Die Idee der FARE-Aktionswoche entstand genau aus dieser Überlegung heraus. Was kann direkt vor Ort, also unmittelbar gemacht werden, ohne vorher eine riesige Infrastruktur aufbauen zu müssen, bzw. auf eine solche angewiesen zu sein. Selbstverständlich beinhaltet Kampagnenarbeit auch Elemente wie Medienevents, Diskussionsveranstaltungen, Fußballturniere, Broschüren und, besonders wichtig, Schulworkshopreihen. Es geht aber im Wesentlichen um die Einbeziehung jener AkteurInnen, die im Stadion aktiv sind, also die Fans. Ohne die Partizipation und Unterstützung der Fans ist eine erfolgreiche Kampagnenarbeit nicht machbar. Natürlich ist es denkbar, zum Beispiel eine große Medienkampagne zu starten, um das Thema überhaupt erst in die Öffentlichkeit zu bringen. Eine Einstellungsänderung in einer relevanten Bevölkerungsgruppe wird aber nur durch kontinuierliche Arbeit vor Ort erreicht werden können.

  • TrägerInnenschaft weitergeben

Um Veränderung herbeiführen zu können, braucht es nicht nur die bereits besprochene Unterstützung der tragenden Institutionen. Vornehmliches Ziel ist es, die Leute selbst zu den TrägerInnen der Kampagne zu machen. Fans, Verein und SpielerInnen sollen von sich aus aktiv werden, und nicht weil es ihnen der Kampagnenträger anbietet bzw. sie dazu ermutigt. Die Kampagne muss zu ihrer Kampagne werden.

  • Allianzen bilden

Eine Vernetzung nationaler AkteurInnen bis hin zur internationalen Netzwerkbildung fördert nicht nur den Austausch von Praxen und Erfahrungen, sondern ist auch Garant für eine größere gesellschaftliche und mediale Sichtbarkeit und Einflussnahme. Dadurch steigt auch das Bewusstsein für die Dringlichkeit und die weite Verbreitung des Problems.

  • Marktwirtschaftliche Argumentierbarkeit

Das Beispiel England zeigt, dass Antirassismuskampagnen immer auch stark mit einem marktwirtschaftlichen Argument gearbeitet haben und dies nach wie vor tun. Dahinter stand die Entwicklung, dass ethnische Minderheiten und MigrantInnen als neue Zielgruppe entdeckt wurden, die im Stadion konsumieren, die Tickets kaufen, die somit für den Merchandisingsektor interessant sind. Mit denen auf alle Fälle mehr Geld zu machen war als mit der „alten Belegschaft“, die, überspitzt formuliert, großteils aus Hooligans und alten Männern bestand. Für Frauen und Mädchen gilt heute dieselbe marktwirtschaftliche Erkenntnis. Frauen werden als jener Zukunftsmarkt gehandelt, der das meiste Wachstumspotenzial verspricht. Eine Sichtweise, die zu Recht kritisiert wird, kreiert sie doch eine Reihe von neuen Vorurteilen und Vorbehalten gegenüber Frauen im Fußball. Das Predigen eines moralischen Antisexismus findet im modernen Fußball allerdings ungleich weniger Gehör als ein marktwirtschaftlich überzeugender Antisexismus.

  • Vereinsidentifikation nutzen

Ein elementares Mittel in Kampf gegen Rassismus ist die Vereinsidentifikation. Wenn ein Spieler einer Mannschaft, eines Vereins rassistisch behandelt wird, ist es nicht nur das Problem des Einzelspielers, sondern das Problem des gesamten Teams, das, einfach formuliert, an seiner Leistung gehindert wird. Dies löst auch eine persönliche Betroffenheit bei Fans und VereinsvertreterInnen aus. Die Kampagnenarbeit besteht darin, diese Betroffenheit über Spielerinterviews zu transportieren. Also nicht von außen darauf aufmerksam zu machen, sondern Spielern und Trainern diese Aufgabe zu überlassen. Wenn diese „Role Models“ (Vorbilder) klar machen, dass Rassismus dem Verein schadet und nicht akzeptiert wird, so werden auch jene zu dieser Einstellung tendieren, die sich mit dem Verein identifizieren. Die Essenz ist, dass es sich in einem überschaubaren, sozialen Gebilde durchspricht, dass Rassismus hier nicht toleriert wird. Der Weg über die Vereinsidentifikation ist im Falle von Sexismus natürlich ungleich schwerer. Funktioniert dieses Mittel zwar im Frauenfußball, so ist es im Männerfußball fast nicht einsetzbar, existieren doch keine betroffenen Spielerinnen. Ohnedies würde eventuell eine schiefe Optik vermittelt werden, wenn männliche Spieler in einer Art Alibiaktion gegen Sexismus auftreten, ohne direkt ersichtlichen Anknüpfungspunkt. Die Glaubwürdigkeit des Einsatzes würde schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Das Mittel der Vereinsidentifikation kann in einer Antisexismuskampagne nur dann zum Tragen kommen, wenn der Bereich Frauenfußball in den Vereinen und Verbänden einen entsprechend hohen Grad an Unterstützung erfährt. Durch das Hervorheben und positiv gestaltete Image der Frauenfußball-Sektion kann jene Vereinsidentifikation stattfinden, die für eine breite TrägerInnenschaft der Kampagne so wichtig ist. Diesen Bereich zu unterstützen, ist einer der wichtigsten Aspekte im Kampf gegen Sexismus und Benachteiligung von Frauen im Fußballsport.

Möglichkeiten und Probleme einer antisexistischen Kampagnenarbeit

Die Methoden der FARE-Kampagne sind also nicht 1:1 auf den Sexismusbereich umsetzbar. Ein wichtiger erster Schritt wäre es, die bestehende Diskriminierung zu skandalisieren und auf den teils massiven alltäglichen Sexismus im Fußball hinzuweisen. Hier steht eine Antisexismusarbeit noch ganz am Anfang. Sexismus im Fußball wird in der breiten Öffentlichkeit weder als Problem thematisiert, noch wird er als solches überhaupt wahrgenommen. Das F_in Netzwerk Frauen im Fußball bietet eines der wenigen Portale, in dem offen über Sexismus im Fußball diskutiert werden kann. Unter F_in@gmx.net können Männer und Frauen Fälle von Sexismus öffentlich machen. Ziel ist es, die gesammelten Vorkommnisse zu publizieren und so Medien, Öffentlichkeit und Verantwortliche aus Sport und Politik mithilfe konkreter Fälle auf die Missstände aufmerksam zu machen. Um eine Verbesserung herbeizuführen, bedarf es nicht nur einer Intervention von AktivistInnen, sondern auch von anderen gesellschaftlich relevanten Kräften, wie SportlerInnen, PolitikerInnen, Intellektuellen und FeministInnen.

Der Bewusstseinsgrad bezüglich Sexismus im Fußball entspricht im deutschsprachigem Raum etwa der Wahrnehmung des Rassismusproblems vor zehn Jahren. Im Bereich Frauenfußball ist die so genannte „awareness“ (Bewusstsein, Erkenntnis) sicher am größten. Dort liegt es auch am klarsten auf der Hand, dass Frauen viel schlechtere Bedingungen vorfinden als Männer. Zudem lassen sich Fußballspielerinnen leichter organisieren als etwa die weiblichen Fans, da sie bereits in feste Vereinsstrukturen eingebunden sind, Frauen in den traditionellen Fanklubstrukturen aber meist nur eine untergeordnete Rolle zugeteilt bekommen. Die Spielerinnen sind jeden Tag mit konkreten Diskriminierungen konfrontiert und entwickeln so leichter ein Ungerechtigkeitsempfinden. Der Großteil der FunktionärInnen (falls in weiblicher Form überhaupt vorhanden), der Fußballverantwortlichen, der Fans und SpielerInnen ist sich des Problems aber kaum bewusst, verwunderlich angesichts der emanzipatorischen Gesellschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte. Im Vergleich zum Erfolg und Fortschritt in der Rassismusbekämpfung hat sich hinsichtlich der Gleichstellung der Geschlechter im Fußball so gut wie nichts getan.

Dabei haben Frauen, im Vergleich zu MigrantInnen und anderen Minderheiten, etwa homosexuell orientierte Menschen, eine ungleich stärkere Lobby hinter sich. Auch ihre numerische Präsenz auf den Stadionrängen ist ungleich höher. Präsenz und Sichtbarkeit sind wichtige Aspekte, um ein Problembewusstsein zu schaffen und dementsprechendes Handeln einzuleiten.

Ist also alles nur eine Frage der Organisation? Kann eine Kampagne gegen Sexismus im Fußball mit der Forderung nach Gleichbehandlung etwa im Bereich des Frauenfußballs, so starken Druck erzeugen, dass die Politik und die großen Verbände zum Handeln bewegt werden? Wenn Frauen, die ins Stadion gehen, einen Streik organisieren würden, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, könnte das funktionieren? Wäre die Unterstützung von PolitikerInnen, FußballerInnen, Medien und wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens groß genug? Die Ausgangsposition dafür ist gut, wenn auch nicht sehr gut. Die politische Durchsetzungskraft von frauenbezogenen Forderungen ist groß, die politische Lobby stark. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Frauenprojekten ist vermutlich größer als jene von Antirassismusprojekten. Die entscheidende Frage ist die, wie wir ein solches Projekt anlegen, mit welchen Mitteln wir arbeiten, welchen Zugang wir finden. Trotzdem glaube ich, dass wir auch nicht zu überschwänglich in der Chancenbewertung sein können.

Meine Arbeit bei FARE zeigt mir, dass es Fortschritte gibt. Es laufen über 30 Rassismusprogramme von Europäischen Fußballverbänden, die Teil der UEFA sind. Immer häufiger tritt der Fall ein, dass die jeweiligen Kampagnen nicht nur im Männerfußballbereich durchgeführt werden, sondern auch die Frauennationalteams einbeziehen. In Belgien war das der Fall oder in Finnland. Dort hat auch der Frauenfußball, für mich eine Schlüsselstelle im Kampf gegen Sexismus, für den Verband ungleich höhere Gewichtung. Ein Beispiel ist auch das norwegische FARE-Partnerprojekt „Rødt Kort“ (Rote Karte), die ihre Antirassismusarbeit gleichgestellt in Männer- und Frauenfußballvereinen vorantreiben. Dort lassen Frauen ihre Belange auch stark in die Antirassismusarbeit einfließen.

Durch die Partnerschaft mit der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF) haben andere Formen von Diskriminierung einen wichtigeren Stellenwert in der Arbeit von FARE eingenommen. Bei der FARE Networking Conference im April 2005 in Bratislava konnten TeilnehmerInnen aus 20 europäischen Staaten einen von mir geleiteten Workshop zum Thema „How to challenge different forms of discrimination: sexism and homophobia“ besuchen. Das Ergebnis des Workshops ist ein Fünf-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Sexismus und Homophobie, der dem FARE-Netzwerk vorgelegt wurde.

  1. Sexismus und Homophobie als Thema etablieren – das Problem benennen
    Frauen und homosexuell orientierte Menschen sind Teil des Fußballsports, ob als Fans und/oder SpielerInnen. Sie erfahren Diskriminierung auf allen Ebenen des Spiels – jeden Tag. Es ist unsere Verantwortung, diese Realität zu benennen und in die Fußballfamilie hineinzutragen.
  2. Verantwortung übernehmen
    Das FARE-Netzwerk stimmt darin überein, das Rassismus nicht nur schwarze Menschen und ethnische Minderheiten betrifft – Rassismus betrifft jede/n Einzelne/n von uns. In der Diskussion über Sexismus und Homophobie herrscht immer noch die Meinung vor, dass Sexismus ein Problem von Frauen, Homophobie ein Problem von Schwulen und Lesben ist. Wir stellen klar, dass wir alle von Sexismus betroffen sind, dass wir alle von Homophobie betroffen sind und dass wir gemeinsam den Kampf gegen diese Formen der Diskriminierung aufnehmen.
  3. Einen Fokus in der alltäglichen Arbeit setzen
    Die Unterstützung und die Fokussierung auf den Frauenfußball führt zu einer stärkeren Identifikation von Fans, VereinsvertreterInnen und Fußballverantwortlichen mit dieser Sportart. Identifikation führt zu Respekt. Die Enttabuisierung von Homosexualität im Sport würde stark durch die Existenz homosexueller Role Models im Fußball vorangetrieben werden. Es steht in unserer Verantwortung ein Sicherheitsnetz zu schaffen, um SpielerInnen, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, den nötigen Schutz und Rückhalt garantieren zu können.
  4. Positive Beispiele hervorheben
    Es existieren bereits Initiativen und Projekte, die Sexismus und Homophobie durch positive Intervention entgegenwirken. Durch deren Unterstützung und Bekanntmachung über die FARE-Publikationen und -Magazine ist es möglich, eine klarere Sichtweise auf die Diversität des Fußballsports zu schaffen. Beispielsweise durch Interviews und Beiträge über Fußballspielerinnen, Mädchen- und Frauenarbeit im Rahmen von Fan-Projekten, schwul-lesbische Fußballvereine und -turniere.
  5. Über Sexismus und Homophobie berichten
    Sexismus und Homophobie begleiten den Fußball jeden Tag. Meistens werden diese Diskriminierungen stillschweigend akzeptiert. Es liegt in der Verantwortung von FARE, dieses Schweigen zu brechen und klar zu benennen, wo, wann und in welcher Form Sexismus und Homophobie geschieht. An einem Wochenende im Jahr sind alle FARE-PartnerInnen und FreundInnen dazu aufgerufen, über sexistische und homophobe Vorkommnisse zu berichten, die in ihrem Stadion, bei ihrem Verein geschehen. Die Fälle werden im FARE-Büro gesammelt und publik gemacht.

Die Umsetzung dieser Punkte stellt auch eine Herausforderung für FARE dar und ist nur ein kleiner Beitrag, den das Antirassismus-Netzwerk leisten kann, steht der Fokus auf Rassismus doch weiterhin klar im Vordergrund. Eine Vermischung wäre weder für den einen, noch für den anderen Bereich sinnvoll. Inhaltlich ist es zwar absolut notwendig, die teils starken Verflechtungen der diversen Diskriminierungsformen zu analysieren und zu verstehen, da gerade ihr Zusammenspiel das dominante Fußballklima ausmacht. Victoria Schwenzer liefert hierzu in ihrem Beitrag zur Hierarchisierung der Diskriminierungen in diesem Band eine erste ausführliche Analyse. Trotzdem ist es in der praktischen Kampagnenarbeit wichtig, einen klaren Fokus zu setzen. Zum einen, um die Wichtigkeit des jeweiligen Arbeitsfeldes zu betonen und seinen besonderen Anforderungen gerecht werden zu können. Zum anderen, um für sich selbst und für andere die gesetzten Ziele und Arbeitsbereiche zu verdeutlichen und klar erkennbar zu machen. Nur so ist auch eine kritische Überprüfung der eigenen Arbeit möglich. Kampagnenarbeit bedeutet im Grunde, ein komplexes soziales Problem in einer klaren Kernaussage zusammenzufassen. Je verschwommener und ausufernder diese Kernaussage ist, desto schwieriger ist es, fokussiert und effizient zu arbeiten. Auch muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die Wahl der Methoden stark vom Arbeitsgebiet abhängt und nicht alle Methoden in allen Bereichen Wirkung zeigen. Ich habe versucht, dies am Beispiel der Vereinsidentifikation aufzuzeigen, die in der Antirassismusarbeit eine zentrale Rolle einnimmt, im Kampf gegen Sexismus aber nur bedingt einsetzbar ist. Nichtsdestotrotz können wir uns das Wissen und die Erfahrung der AntirassismusexpertInnen zu eigen machen und ihren Spuren folgen, um an den richtigen Stellen eigene Pfade einzuschlagen.

 
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